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Immunität:Antikörper sind kein Schutzwall

Coronavirus - Berlin: Corona-Test-Einrichtung

Virus-Tests sind ebenso wie Antikörper-Messungen zunehmend verlässlich. Doch beides kann nicht garantieren, dass Menschen nach überstandener Corona-Infektion immun sind.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Wer eine Covid-19-Erkrankung hinter sich hat, ist vermutlich nicht mehr ansteckend und eine Weile lang vor einer erneuten Infektion geschützt. Doch sicher ist das nicht.

Dieses Kratzen im Hals neulich, war das vielleicht Corona? Und dieser trockene Husten kürzlich, der war doch wirklich verdächtig. Viele Menschen vermuten, das Virus bereits gehabt und erfolgreich wieder aus dem Körper verbannt zu haben, ohne groß erkrankt zu sein. Und viele derjenigen, die Covid-19 durchlitten und überstanden haben, glauben nun, immun gegen den Erreger zu sein. Doch diese Hoffnung ist trügerisch - und keine brauchbare Grundlage, um sogenannte Immunitätsausweise auszustellen.

Zwar wächst das Wissen über das tückische Virus Sars-CoV-2 mit jedem Tag, den die Pandemie weiter wütet. Doch noch immer sind grundlegende Fragen offen: Ist man nach einer durchstandenen Infektion für immer gefeit vor dem Virus? Oder wenigstens eine Weile lang?

Vieles spricht zumindest für einen vorübergehenden natürlichen Schutz. Da gibt es zum einen historische Beobachtungen, die zeigen, dass Menschen, die Infektionen mit anderen Coronaviren hatten, wahrscheinlich zwei bis drei Jahre lang gegen diese Erreger immun sind. Es besteht kein Zweifel daran, dass das menschliche Immunsystem auch gegen Sars-CoV-2 aktiv wird. Sonst würde sich niemand von einer Infektion damit erholen. Unklar ist jedoch, wie lange der Erreger im biomolekularen Gedächtnis des Immunsystems hängen bleibt. "Zum jetzigen Zeitpunkt kann aus Analogieschlüssen mit anderen Viren lediglich vermutet werden, dass nach durchgemachter Covid-19-Erkrankung eine wahrscheinlich zeitlich befristete Immunität entsteht", sagt Oliver Keppler, Vorstand der Virologie am Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München.

Gegen Immunitätsausweise spricht auch, dass das Virus sich dauernd genetisch verändert

Wirklich sicher ist derzeit nur, dass die Immunabwehr mit der Produktion von Antikörpern gegen das neuartige Virus beginnt, sobald der Erreger in den Körper eindringt. Diese Antikörper finden sich nach einigen Tagen bis Wochen bei 99 Prozent jener Menschen, die nachweislich weiterer Tests eine Infektion mit dem Erreger hatten. Zu diesem Ergebnis kommt eine erst kürzlich auf einem Preprint-Server veröffentlichte Studie von Ärzten und Mikrobiologen der New Yorker Icahn School of Medicine at Mount Sinai.

Von unabhängigen Gutachtern wurde diese Untersuchung noch nicht geprüft, doch passen die Daten ins Bild, dass sich allmählich abzeichnet von einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Allerdings schreiben auch die Forscherinnen und Forscher hinter dieser Studie, dass die gemessene Antikörperantwort des Körpers auf die Konfrontation mit dem Erreger nur "möglicherweise" vor einer erneuten Infektion schütze. Genau weiß das derzeit niemand.

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Aus diesem Grund weisen so ziemlich alle Immunologen und Virologen die Idee, ehemals Infizierten Immunitätsausweise auszustellen, weit von sich. "Wir können anhand von Antikörpertests zwar mit zunehmender Sicherheit sagen, ob jemand mit dem Virus infiziert war", sagt Oliver Keppler. "Doch was es für die Immunität bedeutet, diese Antikörper zu finden, wissen wir bislang überhaupt nicht."

Irgendeine Art von Schutz werden die Antikörper in den meisten Fällen wohl bieten. "Vielleicht gibt es Teilimmunität, auch das wäre schon gut", sagt Keppler. Das bedeute allerdings nicht, dass jemand mit Antikörpern gegen Sars-CoV-2 im Blut den Erreger nicht doch verbreiten könnte. Hinzu kommt, dass die Immunantwort der ehemals Infizierten sehr unterschiedlich ausfällt. Das stehe womöglich mit der Schwere der Erkrankung in Zusammenhang, sagt Keppler. Hinweise darauf lieferte die neue Studie aus New York mit ihren fast 700 untersuchten Probanden allerdings nicht. Die darin erfassten ehemaligen Corona-Patienten zeigten sehr unterschiedlich ausgeprägte Antikörperantworten - allerdings hatten sie alle vergleichsweise milde Krankheitsverläufe durchlebt.

Hinzu kommt, dass sich Sars-Cov-2 bei seinem Seuchenzug um den Erdball in kleinen Schritten genetisch verändert. Während sich das Virus im menschlichen Körper vervielfältigt, kommt es stetig zu neuen Mutationen in dessen viralem Erbgut. Anhand genetischer Analysen können Virologen bereits Virusstämme unterscheiden, die je nach geografischer Region unterschiedlich oft vorkommen. "Wir wissen aber nicht, ob diese Erreger einen Unterschied für das Immunsystem machen", sagt Keppler. Wenn die Unterschiede zwischen den Virusstämmen zu groß werden, muss die Immunabwehr womöglich immer wieder neu lernen, den Erreger zu erkennen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation lehnt die Idee ab

Aus all diesen Gründen lehnt Keppler Immunitätsausweise derzeit ab. "Das Konzept, Antikörper nachzuweisen, um dann einen Stempel auszustellen, der einen als immun einstuft, das ist Unfug." Damit steht er nicht alleine. Auch die Weltgesundheitsorganisation hat vor einigen Tagen, der Idee von Immunitätspässen eine klare Absage erteilt. Es gebe momentan einfach nicht genug Wissen darüber, wer immun nach einer Infektion ist und wer nicht. Zudem seien die Tests noch nicht zuverlässig genug, um zweifelsfrei zu unterscheiden, wer bereits eine Infektion durchlaufen hat und wer nicht.

Wer fälschlicherweise glaubt, immun zu sein, könnte lange und weit verzweigte Infektionsketten auslösen, die anschließend schwierig nachzuvollziehen sind. Zu den immunologischen und technischen Bedenken über die Aussagekraft von Antikörpertests, die den Immunstatus eines Menschen verraten sollen, kommen ethische und rechtliche Probleme hinzu, wie die Juristin und Biomedizinerin Alexandra Phelan von der Georgetown University in Washington kürzlich in einem Kommentar im Fachblatt The Lancet betonte.

Entgegen all dieser Warnungen und Unsicherheiten haben einige Staaten dennoch bereits Pläne für Immunitätszertifikate vorgelegt. Chile wollte Ende April unbedingt die erste Nation sein, die Menschen nach durchlaufener Infektion besondere Freiheitsrechte einräumt. In Brasilien gab es entsprechende Überlegungen, ebenso wie in England und zuletzt auch in Deutschland. Gesundheitsminister Jens Spahn brachte die Diskussion durch einen Gesetzesvorschlag auf, den er inzwischen wieder zurückzog.

Oliver Keppler kann den Wunsch nach sicheren Aussagen über eine Immunität nach durchlaufener Sars-CoV-2-Infektion natürlich nachvollziehen. Belastbare Antworten aber gebe es derzeit einfach nicht. Doch er ist optimistisch, in einigen Wochen immerhin Teilantworten geben zu können.

© SZ vom 11.05.2020
Matthias Baumgärtel

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