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Covid-19:Welche Schäden nach einer Corona-Erkrankung zurückbleiben können

Das Für und Wider der Beatmungstherapie

Ein Patient liegt in einem Intensivzimmer an einem Beatmungsgerät und einem Dialysegerät.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Nicht alle Patienten überstehen eine Coronavirus-Infektion ohne Folgeschäden. Noch ist deren Ausmaß nicht ganz klar. Erste Berichte haben Mediziner aber aufgeschreckt.

Neben der hässlichen Zahl, der der Toten, gibt es in der Corona-Pandemie auch noch eine schöne: die Zahl der Genesenen. Fast 100 000 Menschen in Deutschland haben eine Infektion mit Sars-CoV-2 nachgewiesenermaßen hinter sich gebracht, sie haben das Virus besiegt. Und trotzdem sind nicht alle dieser Genesenen gesund. Denn nicht immer heilt Covid-19 folgenlos aus. Einige Patienten werden noch eine ganze Weile mit den Folgen der Infektion zu kämpfen haben, manche ein Leben lang.

"Wir wissen insgesamt noch sehr wenig über die möglichen Langzeitfolgen, dazu ist die Krankheit noch zu jung", sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Doch Ärzte aus vielen Ländern der Welt füttern derzeit Datenbanken mit ihren Erkenntnissen, um künftig bessere Prognosen abgeben zu können. Sie vertreten die unterschiedlichsten Fachrichtungen, denn das Coronavirus kann dem Körper auf vielfältige Weise schaden.

Einer der Schwerpunkte der Forschung liegt auf der Lunge, schließlich handelt es sich bei Covid-19 zuallererst um eine Lungenkrankheit. "Derzeit gehen wir davon aus, dass sich die meisten Patienten vollständig erholen", sagt Michael Pfeifer, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Allerdings haben manche Patienten - vor allem jene, die im Krankenhaus behandelt werden mussten - auch Wochen nachdem kein Virus mehr in ihrem Körper nachweisbar ist und sie als gesundet gelten, eine eingeschränkte Lungenfunktion. Das Gewebe ist dann so geschädigt, dass die Lunge ihre Aufgabe nicht mehr vollständig erfüllen kann. "Wir wissen derzeit nicht, ob das noch ausheilt oder ob eine dauerhafte Schädigung fortbestehen wird", sagt Pfeifer.

"Bei der Mehrzahl der Patienten bilden sich diese Symptome binnen vier Wochen zurück"

Doch der Pneumologe macht auch Hoffnung. Grundsätzlich sei die Lunge sehr regenerationsfähig, Patienten dürften deshalb nicht zu ungeduldig sein. Es sei durchaus normal, dass die Lunge nach einer schweren akuten Erkrankung einige Monate zur Rekonvaleszenz braucht. "Man ist als Arzt immer wieder überrascht, wie gut sich die Lunge erholen kann", sagt Pfeifer. Das gelte selbst nach einer Beatmung auf der Intensivstation, die immer eine Belastung für die Lunge darstellt. "Aber auch danach ist nur bei einigen wenigen Patienten auf Dauer eine schwere Lungeneinschränkung zu verzeichnen."

Auch andere Fachärzte wissen von Komplikationen, die fortbestehen können. So wurden Neurologen zuletzt durch Berichte aus Italien aufgeschreckt, nach denen es bei einzelnen Covid-19-Patienten zu einem Guillain-Barré-Syndrom kam - einer entzündlichen Erkrankung der Nerven, die zu fortschreitenden Lähmungen führen kann. "Diese Erkrankung entsteht infolge der Immunantwort auf den Infekt", sagt der Neurologe Peter Berlit. Das ist auch von anderen Infektionen bekannt. Der Körper bildet im Übermaß Antikörper gegen die Erreger, welche dann, sozusagen als medizinischer Kollateralschaden, die Nerven schädigen.

Influenza führt häufiger zu Geruchsverlust. Das könnte bei Corona ähnlich sein

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Sars-CoV-2 kann aber auch direkt Gehirn und Nerven angreifen. Bekannt ist inzwischen, dass zahlreiche Patienten ihren Geruchs- und Geschmackssinn verlieren, weil das Virus den Riechnerv schädigt. "Bei der Mehrzahl der Patienten bilden sich diese Symptome binnen vier Wochen zurück", sagt Berlit. Aber da auch eine Influenza zu bleibendem Geruchsverlust führen kann, gehen die Fachleute davon aus, "dass auch einige Covid-Patienten so etwas zurückbehalten können".

Bei mehreren Patienten wurde das Virus im Nervenwasser gefunden, zum Beispiel bei einem 24-jährigen Japaner, der infolge seiner Corona-Infektion epileptische Anfälle erlitt. In Italien zeigten einige Corona-Patienten vor allem neurologische Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Bewusstseinsstörungen. Und schließlich kommt es bei schwer betroffenen Covid-Patienten gehäuft zu Schlaganfällen. Denn sowohl das Virus selbst als auch die Immunantwort gegen den Erreger können Gefäße schädigen, was wiederum einen Schlaganfall begünstigt. Hinzu kommen der Sauerstoffmangel und die Aktivierung des Gerinnungssystems infolge der Erkrankung, die beide ebenfalls einen Schlaganfall befördern. "Die Zahl ist nicht groß, in China etwa kam es bei einer Fallserie von 214 Patienten zu sechs Schlaganfällen", sagt Berlit, aber hier wiege die Last der Langzeitfolgen oft schwer.

Auch das Herz könnte durch das Coronavirus dauerhaft in Mitleidenschaft gezogen werden. "Bei stationären Patienten mit Covid-19 sehen wir einige mit heftigen Troponin-Ausschlägen", sagt Andreas Zeiher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Das deute darauf hin, dass Herzmuskelzellen absterben. Es gebe zwar einige optimistische Berichte aus China, dass sich das Herz davon wieder erholt, "allerdings hören wir aus Italien, dass bei einigen Patienten die Pumpfunktion eingeschränkt bleibt". Die Schäden am Herzen könnten der Grund dafür sein, dass herzkranke Patienten oft besonders schwer unter einer Corona-Infektion leiden. Doch es gab auch schon Berichte von zuvor Herzgesunden, die erst infolge der Infektion Herzprobleme bekamen.

Für den Kardiologen resultieren daraus zwei Folgerungen: Die Folgen von Covid-19 müssten genau erforscht werden, um Patienten möglichst gut behandeln zu können. Dazu sollten Genesene sorgfältig weiter begleitet werden. Sorgen bereiten Zeiher allerdings auch die Covid-Therapien, die derzeit erprobt werden. Denn sie haben manche ungünstige Nebenwirkungen auf das Herz.

© SZ vom 22.04.2020

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