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Corona-Apps:Dem Virus einen Schritt voraus

Bei den Apps zur Bekämpfung des Virus wird zwischen zwei Arten unterschieden: den Datenspende-Apps und den Tracing-Apps.

(Foto: Fredrik Sandberg/AFP)

Millionen Menschen spenden ihre Daten, um Sars-CoV-2 einzudämmen. In Großbritannien gibt es erste Erfolge.

Es ist eine beachtliche Zahl, die das Robert-Koch-Institut verkündet hat - und ausnahmsweise ging es nicht um Neuinfektionen oder den R-Wert. Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in Deutschland bereits freiwillig eine App auf ihr Smartphone geladen, über die sie dem Institut Informationen liefern. Das Ziel ist, dem Coronavirus einen Schritt voraus zu sein.

Verknüpft mit verschiedenen Fitnesstrackern leitet die App anonymisiert Vitaldaten weiter. Es geht um den Puls der Teilnehmer, aber auch um Ruhe- und Bewegungszeiten. Die Wissenschaftler erhoffen sich, aus den Daten Rückschlüsse auf mögliche Erkrankungen mit dem Coronavirus ziehen zu können. So schreiben die Forscher, dass ein erhöhter Ruhepuls ein Anzeichen für Fieber sein kann - ein Symptom, das bei einer Covid-19-Infektion häufig auftritt.

Doch noch sind die Daten wenig aussagekräftig - schon deshalb, weil noch nicht klar ist, wo überhaupt der Durchschnittswert für den Ruhepuls liegt. Zudem kann dieser Wert sich nach Region, Wochentag und Alter unterscheiden. Anfang Mai veröffentlichte das RKI eine Ruhepulskarte für Deutschland. Diese Referenzkarte allein gibt aber noch keinen Aufschluss über mögliche Infektionsherde oder Fieber bei Coronavirus-Erkrankungen. RKI-Vizepräsident Lars Schaade sprach von einer "ersten Stufe der Eichung".

Als Nächstes wollen die Forscher die mittlere tägliche Schrittzahl der Datenspender untersuchen. Denn wenn Menschen auf einmal weniger aktiv sind, kann das ebenfalls ein Hinweis auf eine Infektion sein. Zudem muss man unterscheiden, ob jemand gerade einen erhöhten Puls hat, weil er sich schneller bewegt, oder ob der Wert eher auf Fieber hindeutet.

Der "Symptom-Tracker" setzt auf tägliche Angaben der Teilnehmer - das hat Tücken

Die Datenspende-App hat nichts mit den sogenannten Tracing-Apps zu tun, auf die Wissenschaft und Politik große Hoffnungen bei der Nachverfolgung von Infektionsketten setzen. Diese sollen Menschen warnen, wenn sie längeren Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatten.

Aber es gibt noch weitere Ansätze. Wie Nutzerdaten schon jetzt helfen können, die Ausbreitung des Coronavirus besser zu verstehen und punktuelle Ausbrüche sogar in gewissem Maße vorherzusagen, zeigt eine Studie aus Großbritannien im Fachmagazin Science. Dabei geht es um Daten einer App, die ebenfalls auf Freiwilligkeit beruht, den "Covid-19-Symptom-Tracker". Sie setzt statt auf automatisierte Datenflüsse auf tägliche Angaben der Teilnehmer, ähnlich wie ein Fragebogen.

Den "Covid-19-Symptom-Tracker" gibt es seit dem 24. März in Großbritannien, fünf Tage später konnte man die App auch in den USA herunterladen. Schon am ersten Tag registrierten sich in Großbritannien 750 000 Menschen, Anfang Mai waren es in beiden Ländern insgesamt 2,8 Millionen.

Die App wurde vom Start-up Zoe in Zusammenarbeit mit dem Londoner King's College Hospital entwickelt, aus dem das Unternehmen einst hervorgegangen war. Nach dem Download fragt die App nach Alter, Geschlecht, Gewicht, Größe oder Wohnort. Danach werden Angaben zum allgemeinen Gesundheitszustand, zu Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme verlangt. Die Forscher fragen auch explizit, ob man im medizinischen Bereich arbeitet und was man dort genau tut.

Die Apps sollen zeigen, welche Anzeichen auf eine Infektion hindeuten

Dann verlangt die App tägliche Meldungen darüber, wie man sich fühlt, ob bestimmte Symptome aufgetreten sind und wo man sich gerade befindet - zu Hause oder im Krankenhaus. Auf Basis der Angaben von 1,6 Millionen Teilnehmern in Großbritannien ziehen die Wissenschaftler in Science ein erstes Fazit. Demnach lässt sich anhand der gemeldeten Symptome das Ausbruchsgeschehen in bestimmten Regionen vorwegnehmen.

Als Beispiel nennen die Forscher ein Gebiet im Süden von Wales. Sie verglichen die Meldungen bestimmter Symptome aus der App mit den späteren offiziellen Zahlen über Neuinfektionen in diesem Gebiet. So konnten sie zwei Spitzen an Neuinfektionen voraussehen, die sich später durch Laborbefunde bestätigten. "Umgekehrt ging ein Rückgang der Symptomberichte einem Rückgang der bestätigten Fälle um mehrere Tage voraus", schreiben die Forscher.

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Jedoch hat es auch Nachteile, allein auf die Angaben der App-Nutzer zu setzen. Wirklich aussagekräftig sind die Daten nur, wenn die Teilnehmer täglich genaue Berichte abliefern. Und diese sind nicht so leicht überprüfbar wie der automatisierte Datenstrom der RKI-Datenspende-App. Dafür haben die bislang gesammelten Informationen aus den USA und Großbritannien wohl schon jetzt dazu beigetragen, Covid-19 besser zu verstehen.

Denn die App fragt auch immer wieder, ob man auf das Coronavirus getestet wurde - und wenn ja, mit welchem Ergebnis. So lassen sich Muster erkennen, bei welchen Symptomen am Ende auch eine Infektion vorlag und wann der Test meist negativ ausfiel. Die ersten Auswertungen zeigen, dass besonders dem Verlust von Geruchs- oder Geschmacksinn am Ende oft auch eine Coronavirus-Diagnose folgte - häufiger als bei Personen, die Fieber hatten. Bei Husten und Müdigkeit wurden Menschen zwar eher getestet, doch das Ergebnis fiel oft negativ aus. Das könnten wichtige Hinweise sein, wenn es darum geht, Testkapazitäten sinnvoll zu verteilen.

© SZ vom 11.05.2020/hmw
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