Medizin:Keine Häufung von chronischer Erschöpfung nach der Corona-Impfung

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Corona-Impfung

Eine Frau wird gegen das Coronavirus geimpft.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Das Paul-Ehrlich-Institut findet keinen Hinweis auf das sogenannte Post-Vac-Syndrom. Dabei werden in Deutschland weit mehr Verdachtsfälle gemeldet als in anderen Ländern.

Von Werner Bartens

In Deutschland ist die Aufmerksamkeit für Spätfolgen der Corona-Impfung offenbar ausgeprägt. Besonders die chronische Erschöpfung, die als Hauptmerkmal eines Post-Vac-Syndroms genannt wird, medizinisch aber umstritten ist, erfährt viel Beachtung. Im aktuellen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) werden 472 entsprechende "Ereignisse im Zusammenhang mit einer Impfung gegen Covid-19" aufgeführt, was angesichts von fast 183 Millionen Impfungen in Deutschland bis Ende Juni aber äußerst wenige sind. Die Meldungen stammten laut PEI "mehrheitlich von betroffenen Patienten". Der Begriff Post-Vac-Syndrom umfasst "Gesundheitsstörungen in unterschiedlichem Abstand zur Covid-19-Impfung", die ähnlich wie bei Long Covid als chronisches Erschöpfungssyndrom/Myalgische Enzephalomyelitis (CFS/ME) und Herzrasen nach dem Aufstehen oder im Stehen (posturale Tachykardie) angegeben werden. Auch für Zyklusstörungen und Krampfanfälle nach der Impfung hat das PEI keine Häufung festgestellt.

Die Gesamtzahl der Verdachtsmeldungen unter Stichworten wie Post-Vac, CFS oder posturale Tachykardie, zu denen Ärzte und Apotheker verpflichtet sind, die aber auch von Betroffenen und Angehörigen eingereicht werden können, ist sehr gering. Im Vergleich zu Meldungen aus anderen Ländern ist Deutschland jedoch überproportional vertreten, wie die Auswertung der Nebenwirkungsdatenbank der Europäischen Arzneimittelbehörde zeigt.

Demnach "stammen 54,6 Prozent der Meldungen des europäischen Wirtschaftsraums und 34,8 Prozent internationaler Meldungen aus Deutschland", teilt das PEI mit. "Da Deutschland aber nicht 55 Prozent der Impfungen im europäischen Wirtschaftsraum durchgeführt hat, kann von einer unverhältnismäßig hohen Berichterstattung in Deutschland ausgegangen werden." Der europäische Wirtschaftsraum umfasst 520 Millionen Einwohner; Deutschland macht mit 83 Millionen Einwohnern etwa 16 Prozent davon aus. Das PEI schließt deshalb einen "Berichts-Bias" für Deutschland nicht aus, also eine verfälschte und verzerrte Darstellung, in der die Häufigkeit von Verdachtsfällen solcher Beschwerden nach der Impfung überbetont wird.

Dass es mehr Fälle des Fatigue-Syndroms gibt, liegt wohl an Corona-Infektionen

"Derzeit kann angesichts der Spontanberichte auch im internationalen Kontext kein Signal für anhaltende, mit Müdigkeit einhergehende Beschwerden nach Covid-19-Impfung detektiert werden", lautet die Schlussfolgerung des PEI. Auch Einzelbefunde mit vermeintlich erhöhten Autoantikörpern beurteilt das für Impfstoffe zuständige Bundesinstitut skeptisch: "Ob es sich um pathologische Autoantikörper handelt, ist vielfach fraglich." Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte im Juni in einem Video ("KarlText") über Post Vac gesagt, "das muss ernst genommen werden, das darf man nicht unter den Teppich kehren". Obwohl Lauterbach in dem gut zweiminütigem Video mehrmals betonte, dass Post Vac äußerst selten sei und weniger schwer verlaufe als mögliche Folgen einer Infektion, wurde die Äußerung von Aktivisten als Bestätigung ihrer massiven Beschwerden aufgenommen.

Das PEI hat auch die Diagnosen bei einer Krankenhausentlassung analysiert. Die Hauptdiagnose Chronische Erschöpfung (CFS) ist demnach von 1407 Fällen im Jahr 2019 auf 2221 Fälle im Jahr 2021 angestiegen. Der Anstieg ist jedoch vermutlich auf eine zurückliegende Infektion mit Sars-CoV-2 zurückzuführen, denn diese Nebendiagnose, die es 2019 noch nicht gab, ist im Jahr 2021 in 703 Fällen aufgetreten. Die Zunahme der Diagnose CFS ginge demnach auf die Infektion und nicht auf die Impfung zurück.

"Die Deutschen sind bekannt dafür, alles zu hinterfragen; das ist an sich nichts Schlechtes, das zeigen Errungenschaften wie DIN und TÜV", sagt die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität München zu dem möglichen Berichts-Bias in Deutschland. "Es gibt aber auch sehr berechtigte Ansprüche von Menschen, die Probleme nach einer Impfung haben. Das darf man nicht vernachlässigen, nur weil zu Impfungen viele Fehlinformationen kursieren." Es gebe wirtschaftliche und politische Interessen, die Menschen durcheinanderzubringen. Fehlinformation sei schließlich eine Waffe, so Protzer, zudem gehe es gerade in Ländern mit schlechteren Impfstoffen auch darum, nach der Krise gut dazustehen.

"Dass die Impfstoffe sicher sind und wir ein sensitives System haben, zeigt die Nachverfolgung in großen Kohorten international und besonders in Deutschland. Damit können wir schnell reagieren und Verdachtsfällen akribisch nachgehen", so Protzer. "Dass man in Deutschland überproportional viele Verdachtsmeldungen hat, deutet ja gerade darauf hin, dass hier eben nicht alles unter den Tisch gekehrt wird, wie oft behauptet wird."

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes wurde eine Aussage der Virologin Ulrike Protzer zu Fehlinformationen über Impfungen insgesamt irrtümlich als Aussage über das Post-Vac-Syndrom wiedergegeben. Wir haben die Passage korrigiert.

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