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Brustimplantate:"Viele sagen, der Brustkrebs war ein Spaziergang gegen diese Krankheit"

Narkose bei Schönheitsoperationen

Narkose vor einer Operation: Für viele Frauen waren Brustimplantate der Anfang einer langen Krankheitsgeschichte.

(Foto: Jens Schierenbeck/dpa)

Fehlerhafte Brustimplantate machen in Deutschland Hunderte Frauen krank, auch Birgit Schäfers. Inzwischen hilft sie anderen Betroffenen, sich zu wehren.

2014 wurde die Sekretärin Birgit Schäfers, 52, aus Kassel sehr krank. Nach langer Suche stellte sich heraus: Der Grund dafür waren ihre Brustimplantate. Unterstützung fand sie vor allem in den USA, wo sich Patientinnen seit Langem organisieren, um Behörden und Ärzte darauf aufmerksam zu machen, welch schwerwiegende Symptome Brustimplantate hervorrufen können. Damit Frauen auch in Deutschland leichter Ansprechpartner finden, erstellte Schäfers die Website "Krank-durch-Brustimplantate.de" und gründete eine deutsche Facebook-Gruppe, die mittlerweile mehr als 1200 Mitglieder hat.

Gerade hat die US-Gesundheitsbehörde FDA Hersteller von Brustimplantaten dazu gezwungen, deutlicher über mögliche Folgen ihrer Produkte zu informieren. Laut FDA kann es nicht nur zu Komplikationen durch die Operation an sich kommen, zum schmerzhaften Zusammenziehen des Gewebes rund um die Implantate und zu Rissen in den Implantaten, sondern auch zu Krebs und möglicherweise zu Symptomen, die den ganzen Organismus betreffen, wie Müdigkeit, Gedächtnisverlust und Gelenkschmerzen, auch als "Breast Implant Illness" bekannt.

SZ: Frau Schäfers, was sagen Sie zu diesen Warnungen?

Birgit Schäfers: Das ist ein Riesenerfolg für uns betroffene Frauen. Schon seit Jahren klagen Patientinnen darüber, dass sie nach dem Einsetzen der Implantate schwer krank wurden, aber sie wurden lange Zeit nicht ernst genommen. Viele bekamen Psychopharmaka, weil Ärzte nichts fanden und meinten, die Frauen könnten gar nicht körperlich krank sein. Deshalb habe ich auch die Website ins Leben gerufen: Ich wollte Frauen informieren und ihnen eine Ansprechpartnerin sein.

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Weil Sie selbst lange vergeblich welche suchten?

Ja, genau. Nachdem ich 2014 krank geworden war, habe ich jahrelang eine Arzt-Odyssee hinter mich gebracht. Niemand konnte mir sagen, was mit mir los ist. Aber mir ging es wirklich schlecht - ich hatte allerlei diffuse Beschwerden, von Herzrhythmusstörungen über Sehstörungen, Taubheitsgefühle in Armen und Händen, extremer Müdigkeit bis hin zu Schwindel. Was ich habe, wurde mir erst klar, als ich im Internet eine amerikanische Gruppe von Frauen gefunden habe, die an den Folgen von Brustimplantaten litten. Das hat mir sehr geholfen - und heute möchte ich den Frauen in Deutschland eine ähnliche Hilfe bieten.

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Als Ihnen vor zweieinhalb Jahren Ihre Implantate herausgenommen wurden, entdeckten die Ärzte, dass eines gerissen war. Ging es Ihnen deshalb so schlecht?

Nein, die Implantate müssen nicht reißen, um Schaden anzurichten. In unserer Gruppe gibt es unheimlich viele erkrankte Frauen, deren Implantate intakt sind. Aber es ist kein gutes Gefühl, dass eines meiner Kissen gerissen war. Als die Ärzte es herausholen wollten, war es nur noch Matsch. Die Reste davon hatten sich überall hin verteilt. Ich bin mir sicher, dass immer noch Silikon in meinem Körper ist. Bei manchen Frauen hat man nach ihrem Tod sogar Silikonreste im Gehirn gefunden.

Was für Implantate hatten Sie denn?

Mir hatten Ärzte texturierte Implantate der Firma Allergan eingesetzt. Diese Implantate sind inzwischen weltweit vom Markt genommen worden, weil sie mit ihrer rauen Oberfläche einen seltenen Krebs auslösen können, ein BIA-ALCL (breast implant-associated anaplastic large cell lymphoma; Anm. d. Red.). Dabei handelt es sich nicht um Brustkrebs, sondern um ein Lymphom, also einen Tumor des Lymphsystems, der in der sogenannten Kapsel entsteht. Die Kapsel bildet der Körper um die Brustimplantate herum aus Gewebe. In unserer Gruppe sind immer mehr Frauen, die ein BIA-ALCL haben.

Sind Sie selbst auch an einem solchen Krebs erkrankt?

Nein, bisher nicht. Aber theoretisch kann er bei mir auch noch entstehen, falls in meiner Brust noch Kapselreste sind. Von dieser Gefahr berichteten Wissenschaftler gerade erst auf einem großen Kongress in Rom. Da viele Frauen, die sich ihre Implantate entnehmen ließen, nicht sauber explantiert wurden, ist im Prinzip die Gefahr für alle noch da, daran im Nachhinein noch zu erkranken. Ich habe dagegen "Breast Implant Illness" entwickelt, wie die Amerikaner das nennen, die Brustimplantate-Krankheit. Sie entsteht ganz unabhängig vom genauen Typ der Implantate, jede Frau mit Brustimplantaten kann sie bekommen.

Die Breast Implant Illness ist wissenschaftlich bisher nicht anerkannt. Nun hat die FDA aber in einem Statement akzeptiert, dass viele Frauen die Krankheit erleben. Wie muss man sie sich vorstellen?

Das ist eine unglaublich schwere Krankheit. In unserer Gruppe sind viele Brustkrebspatientinnen, deren Brüste nach der Tumorentfernung mit Implantaten aufgebaut wurden und die daraufhin an der Breast Implant Illness erkrankten. Viele sagen, der Brustkrebs war ein Spaziergang gegen diese Krankheit. So schlimm ist es oft. Patientinnen, die darunter leiden, berichten von ganz unterschiedlichen Symptomen. Von den bekannten 50 habe ich ungefähr 30.

Geht es Ihnen denn seit der Herausnahme Ihrer Implantate wieder gut?

Ich bin nicht gesund, ich bin halb berentet. Dadurch, dass mein Implantat gerissen war und das lange nicht entdeckt wurde, konnte sich das Silikon ungehindert im ganzen Körper ausbreiten. Mir geht es nicht wirklich gut. Aber die Kraft, die ich noch habe, stecke ich in die Aufklärungsarbeit. Erkrankte Frauen sollen Hilfe bekommen und junge Frauen gewarnt werden. Oft bekomme ich Mails von Frauen, die mir schreiben, dass sie vor ihrer Operation gerade noch auf meine Website gelangt sind und dass sie die Brustvergrößerung jetzt absagen. Dann freue ich mich sehr.

Was werden Sie persönlich jetzt tun?

Ich plane eine Operation im kommenden Jahr. Dafür werde ich in die USA reisen. Anders als in Deutschland lassen sich dort inzwischen weniger Frauen Brustimplantate einsetzen. Dafür gibt es plastische Chirurgen, die nur noch explantieren. Ich werde zu einem Arzt gehen, der sich darauf spezialisiert hat, Kapselreste zu entfernen.

Was empfehlen Sie anderen Frauen mit Implantaten?

Ich persönlich rate zu einer gut vorbereiteten Entfernung, idealerweise in geschlossener Kapsel, und bei Symptomen von BIA-ALCL zeitnah. Typisch für ein BIA-ALCL sind unter anderem Entzündungssymptome: Eine Brust wird plötzlich größer als die andere, sie wird rot oder heiß, es bilden sich Flüssigkeitsansammlungen.

Ist denn das Problem BIA-ALCL jetzt wenigstens gelöst, da die texturierten Allergan-Implantate nicht mehr auf dem Markt sind?

Nein, sämtliche texturierten Implantate können diesen Krebs auslösen, auch die von anderen Firmen - auch wenn das Risiko offenbar nicht so groß ist wie bei den Allergan-Implantaten. Frauen dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen. Viele Ärzte schwören immer noch auf texturierte Implantate, weil die nicht so leicht verrutschen und nicht so häufig Kapselfibrosen verursachen, bei denen die Kapsel schmerzhaft verhärtet. Solange Ärzte diese Implantate benutzen dürfen, tun sie das. In anderen Ländern wie Kanada, Australien und Frankreich sind diese Implantate inzwischen komplett verboten. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen.

Weshalb reagieren die deutschen Behörden denn so zögerlich? Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sagt Frauen mit texturierten Implantaten nur, dass sie sich an ihren Arzt wenden sollen, falls sie sich unwohl fühlen.

Das finde ich ein Unding. Das heißt ja im Umkehrschluss, dass jede Frau abwarten soll, ob ihr etwas passiert. Das ist ja wie russisches Roulette. Früher hieß es, das Risiko für ein BIA-ALCL betrage bei texturierten Implantaten 1:1 000 000. Aber das ist lange vorbei. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass eine von 443 Frauen erkrankt. Und es gibt ständig neue negative Nachrichten zu dieser Krankheit.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren?

Ärzte müssten ihre Patientinnen umfassend über die möglichen Risiken aufklären, so wie die FDA das jetzt in den USA verlangt. Und die Frauen, die bereits texturierte Implantate haben, müssten alle von ihren Ärzten angeschrieben und zu einem Aufklärungsgespräch und einer Untersuchung eingeladen werden. Aber das passiert nicht. Frauen erfahren meist durch die Medien davon, dass es ein Problem mit ihren Implantaten gibt. In den USA haben die Patientinnen den Behörden richtig Dampf gemacht, das sind 100 000 Frauen, die haben nicht lockergelassen und die FDA am Ende überzeugt. Wir in Deutschland werden auch nicht lockerlassen.

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