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Behandlung von ADHS:Ritalin wirkt weniger als gedacht

Neue Studien zeigen außerdem noch deutlicher die Nebenwirkungen bei ADHS-Patienten.

Von Werner Bartens

Die Mittel werden millionenfach von Kindern geschluckt - trotzdem ist ihr Nutzen begrenzt, und Nebenwirkungen können den Alltag stark beeinträchtigen. Ärzte rufen deshalb dazu auf, vorsichtiger mit der Verordnung von Ritalin und Co. gegen Aufmerksamkeitsmangel und Hyperaktivität (ADHS) zu sein und sorgfältiger abzuwägen, ob Kinder und Jugendliche davon profitieren. "Die Erwartung, die wir an die Behandlung haben, ist vermutlich größer als es gerechtfertigt wäre", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Morris Zwi aus London. "Wir sehen zwar Hinweise auf einen Nutzen, aber die wissenschaftlichen Beweise sind von sehr schlechter Qualität."

Zwi ist an der großen Cochrane-Analyse beteiligt, die am heutigen Mittwoch erscheint. Forscher um den dänischen Psychologen Ole Jakob Storebø aus Roskilde haben darin 185 Studien zur Wirkung von Methylphenidat ausgewertet, wie der Substanzname von Ritalin, Medikinet, Concerta und anderen Mitteln gegen ADHS lautet. Erfahrungen von mehr als 12 000 Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 18 Jahren gingen in die Bewertung ein. Cochrane-Analysen gelten als besonders gründlich. Obwohl die Forscher Hunderte Studien nicht berücksichtigten, weil sie von zu schlechter Qualität waren, offenbarten auch die verbliebenen Studien viele Schwächen; allein 72 der 185 Studien waren von der Pharmaindustrie gesponsert.

Die Analyse zeigt, dass der erhoffte Nutzen von Ritalin - wenn überhaupt - ziemlich gering ausfällt. Zwar legen die Ergebnisse nahe, dass Hauptsymptome von ADHS wie Impulsivität und Hyperaktivität gelindert werden können. Auch das Verhalten und die Lebensqualität können sich verbessern. "Wir sind aber nicht sicher, ob diese Wirkung tatsächlich dem Nutzen von Methylphenidat entspricht", schreiben die Autoren.

Warum ihr Urteil so zurückhaltend ausfällt, verrät ein Blick in die 673 Seiten lange Auswertung der Cochrane-Forscher. Auf einer ADHS-Bewertungsskala aus Sicht von Lehrern, mit der die Ausprägung der Symptome von 0 bis 72 Punkten eingeordnet wird, haben Ritalin und vergleichbare Medikamente zu der marginalen Linderung von 9,6 Punkten geführt. Weil die Bewertung so subjektiv ist und starken Schwankungen unterliegt, gilt erst eine Veränderung von 6,6 Punkten als Wirkung, die von minimaler Relevanz ist.

Eine andere Bewertungsskala aus Sicht von Eltern, Kindern und Jugendlichen reicht von 0 bis 100 Punkten. Hier wird die minimale klinische Relevanz mit sieben Punkten Veränderung angegeben - die aktuelle Studie ergab eine Verbesserung der Symptome um acht Punkte.

Medikamente können Schlafstörungen auslösen

Nebenwirkungen der Medikamente sind hingegen deutlicher auszumachen. Ritalin löst zwar keine ernsthaft bedrohlichen Komplikationen aus, auch wenn die Cochrane-Autoren betonen, dass die Studiendauer im Mittel nur 75 Tage betrug und über Langzeitfolgen daher wenig gesagt werden kann. Das Risiko für Schlafstörungen erhöhte sich unter den Stimulanzien um 60 Prozent, das für Appetitmangel sogar um mehr als das Doppelte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die Scheinmedikamente bekam.

Anfang der Woche hatte eine Analyse im Fachmagazin Pediatrics (online) ebenfalls gezeigt, dass Kinder schlechter einschlafen und häufiger über Schlafstörungen klagen, wenn sie die Pillen nehmen. Jungen erwiesen sich als anfälliger als Mädchen. "Ist der Schlaf beeinträchtigt, sind Kinder in der Folge womöglich gereizt und unkonzentriert", sagt Studienleiterin Katie Kidwell. "Diese Nebenwirkungen schwächen den potenziellen Nutzen der Medikamente ab."

Storebø fordert bessere Untersuchungen, um die Wirkung der Mittel seriöser beurteilen zu können. Unter den analysierten Studien befanden sich etliche, in denen erkennbar war, ob die Zuteilung zur Placebo- oder zur Arzneigruppe erfolgte. Das verfälscht die Aussage ebenso wie die vielen unvollständigen Angaben.

Seriösen Schätzungen zufolge leiden bis zu fünf Prozent aller Kinder an Hyperaktivität, können sich nicht konzentrieren und sind ungewöhnlich impulsiv. Die Diagnose lässt sich allerdings nur anhand der klinischen Einschätzung stellen und die ist subjektiv. "Unsere Auswertung zeigt wenig klare Beweise für den Nutzen von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS", sagt Camilla Groth, die ebenfalls an der Cochrane-Analyse beteiligt war. "Einigen könnte es nutzen, aber wir wissen nicht, wer profitiert. Deshalb sollten Ärzte vorsichtiger sein, wenn sie die Mittel verschreiben und bei der Therapie genau auf Schaden und Nutzen achten."

Jugendpsychiater Morris Zwi betont, dass Eltern jetzt nicht darauf drängen sollten, die Therapie zu beenden: "Wenn es Kindern und Jugendlichen nutzt und sie keine Nebenwirkungen haben, gibt es gute Gründe, die Mittel weiterhin zu nehmen." Erstaunlich ist allerdings schon, dass eines der meistverbreiteten Medikamente der Welt zwar buchstäblich in aller Munde ist - aber Nutzen und Schaden trotzdem so unklar sind.

© SZ vom 25.11.2015

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