bedeckt München 27°

Pflege:Es müsste so etwas wie Amnesty International für Patienten geben

Machen wir uns nichts vor: Wir haben uns längst an die unerträglichen Zustände in zahlreichen Altenpflegeheimen gewöhnt, an die Begriffe "Pflegenotstand" und "Personalmangel". Vielleicht muss man es so deutlich sagen: In vielen Pflegeheimen werden die Menschenrechte täglich verletzt, die vom Grundgesetz als unantastbar hochgehaltene Menschenwürde, sie wird in vielen Stationen sehr wohl angetastet. Nicht durch die einzelnen Pfleger zumeist, sondern durch ein System, das es zulässt, dass Alte auf einen Toilettengang stundenlang warten müssen und aus Scham kaum noch trinken wollen.

Nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen haben im Jahr 2013 schier unglaubliche 77 Prozent der Heimbewohner eine Inkontinenzversorgung erhalten, zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Viele Einrichtungen sind inzwischen weitgehend rechtsfreie Räume geworden. Das gesellschaftspolitische Interesse an diesen würdelosen Zuständen hält sich in Grenzen.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu. Mit schlechter Pflege, ich nenne das "Pflege in die Betten", wird in Deutschland viel Geld verdient. Je höher ein Pflegebedürftiger eingestuft wird, desto mehr zahlt die Kasse. Kaum eine Einrichtung hat daher ein Interesse an dem, was in der Pflegewissenschaft gemeinhin eine aktivierende Pflege genannt wird. Damit ist der Versuch gemeint, Alten und Kranken ihre Selbständigkeit so weit wie möglich zurückzugeben. Je schwächer die Bewohner werden, desto rentabler sind sie für das System.

Der "Aufstand der Anständigen" gegen diese unhaltbaren Zustände blieb bislang aus. Scham und Empörung halten sich in Grenzen. In kaum erträglicher Weise schweigen sich Kirchen und Menschenrechtsinitiativen in dieser Frage aus. Das Schicksal alter und kranker, mithin besonders schutzbedürftiger und ausgelieferter Menschen interessiert kaum. Warum auch, könnte der Zyniker nun fragen, man braucht sie ja auch nicht mehr. Die Pflege ist kein Thema für Wahlen. Und von den Betroffenen und ihren Angehörigen geht auch keine Gefahr für die öffentliche und politische Ordnung aus, ihr Konfliktpotenzial ist denkbar gering. Würden sie in einen Streik eintreten, schadeten sie damit zuvorderst sich selbst.

Pflege Verschuldet für den Dienst an der Gesellschaft
Familienpflegezeit 2015

Verschuldet für den Dienst an der Gesellschaft

Hunderttausende Deutsche müssen für die eigene Rente vorsorgen und gleichzeitig die Rentner ihrer Familie pflegen. Auch die neuen Regelungen zur Familienpflegezeit können nicht darüber hinweg täuschen: Was ihnen abverlangt wird, ist die Quadratur des Kreises.   Von Berit Uhlmann

In der öffentlichen Diskussion des Pflegemarktes wird denn auch nicht über persönliche Schicksale gesprochen, über verzweifelte und zum Teil traumatisierte Menschen. Stattdessen verhandelt man recht emotions- und leidenschaftslos über die Finanzierbarkeit von "Pflegefällen" als Kostenfaktoren. Das wahre Ausmaß der Pflegekatastrophe wird stattdessen schöngeredet, geleugnet und kollektiv verdrängt. Was muss eigentlich noch passieren?

Selbstverständlich geht es auch anders. Es gibt einige wenige "Leuchttürme" in Deutschland, es gibt zahlreiche verantwortungsbewusste, engagierte Heimleitungen und selbstbewusste, motivierte, empathische und mutige Pflegekräfte. Das heißt aber auch: Es gibt keine Ausreden. Menschenwürdige Pflege ist mach- und bezahlbar. Wir müssen endlich, alle miteinander, die Verantwortung dafür übernehmen. Wir sollten so etwas wie eine Amnesty-International-Initiative für Pflegebedürftige organisieren. Gewiss, es gibt derzeit viele wichtige Themen in der Politik. Doch wir können es uns nicht leisten, die Pflege zu vernachlässigen. Sie betrifft die meisten von uns, statistisch gesehen, früher oder später selbst. Das gilt im Übrigen selbst für Pflegemanager und Gesundheitspolitiker.

Die Pflegekräfte indes müssen sich die Frage gefallen lassen, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Übernehmen sie Verantwortung und solidarisieren sich mit den ihnen Anvertrauten? Oder folgen sie den Vorgaben der Heimträger? Meine Bitte wäre: Zeigen Sie Zivilcourage und dokumentieren Sie in der Patientenakte auch nur das, was Sie tatsächlich leisten können! Viel zu oft werden in Pflegeheimen Leistungen abgerechnet, die niemals erbracht worden sind, weil schlicht das Personal dafür fehlt. Wenn sich die Dokumentationspraxis ändert, hätten die Verantwortlichen die strukturellen Probleme endlich schwarz auf weiß. Dann wäre offenbar, dass die Selbstverwaltung von Heimträgern und Kassen versagt hat.

Altenpflege Eine Stadt hilft sich selbst
Reportage
Altenpflege

Eine Stadt hilft sich selbst

Die Idee ist bestechend vernünftig: Wer kann, hilft den Alten und bekommt später im gleichen Maße Hilfe zurück. Ein Besuch im schwäbischen Riedlingen, das das Schicksal seiner Alten selbst in die Hand nimmt.   Von Berit Uhlmann