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Antibiotika:Vereinte Nationen starten Kampf gegen Superkeime

Multiresistente Keime

Was tun gegen multiresistente Keime?

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Es ist das vierte Mal in der Geschichte der UN, dass ein Gesundheitsthema aufgegriffen wird.
  • Bereits im vergangenen Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation vor einem "postantibiotischen Zeitalter gewarnt".
  • Das Problem ist komplex: Sowohl der Missbrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft als auch in der Medizin werden für die Zunahme resistenter Bakterien verantwortlich gemacht.
  • Die größte Hürde: Maßnahmen nicht nur national, sondern länderübergreifend durchzusetzen. Bakterien kennen keine Staatsgrenzen.

Von Kathrin Zinkant

Am heutigen Mittwoch wird sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York erstmals dem Thema Antibiotikaresistenzen widmen. Es ist nach dem Aidserreger HIV, den großen Wohlstandsleiden Diabetes und Herzkreislauferkrankungen sowie der Ebola-Epidemie in Westafrika vor zwei Jahren erst das vierte Mal in der Geschichte des Staatenbundes, dass ein Gesundheitsthema in dieser Runde aufgegriffen wird.

Erst im vergangenen Jahr hatte die zuständige Behörde der UN, die Weltgesundheitsorganisation in Genf, einen ersten Bericht zu antimikrobiellen Resistenzen vorgelegt und vor einem "postantibiotischen Zeitalter gewarnt". Demnach verlieren insbesondere Medikamente gegen bakterielle Erreger ihre Wirkung. Hinter Kürzeln wie MRSA, CRE, VRE oder ESBL-Bildnern verbergen sich heute bereits zahlreiche potenziell krankmachende Bakterien, die gegen zuvor wirksame Antibiotika resistent geworden sind und die sich selbst mit den aufgesparten Reserveantibiotika nicht mehr behandeln lassen.

Vor allem in Krankenhäusern, aber zunehmend auch außerhalb der Kliniken, können solche Keime bei körperlich geschwächten Menschen schwerste, teils lebensgefährliche Infektionen verursachen. Wie hoch die Zahl der Opfer ist, bleibt unklar. Das European Centre for Prevention and Disease Control (ECDC) im schwedischen Solna geht davon aus, dass in Europa jährlich mindestens 25 000 Menschen an den Folgen bakterieller Antibiotikaresistenz sterben. Es gibt allerdings auch Schätzungen, die deutlich höher liegen.

Mindestens 25 000 Menschen sterben in Europa jährlich, weil Medikamente nicht mehr wirken

Klar ist, dass der Entwicklung Einhalt geboten werden muss. Die Frage ist jedoch, wie. Denn das Problem ist komplex: Sowohl der Missbrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft als auch die Verordnungspraxis und Hygiene in der Humanmedizin werden für die drastische Zunahme resistenter Bakterien verantwortlich gemacht. In der Tierhaltung müsste es demnach darum gehen, den überflüssigen Einsatz von Antibiotika als Mastbeschleuniger und Prophylaxemedikament einzuschränken.

In Kliniken sollen Screenings und strengere Hygieneregeln die Lage entschärfen. Niedergelassene Ärzte werden ohnehin seit Jahren dazu aufgefordert, die kostbaren Medikamente sparsam und gezielt einzusetzen. Aus der Pharmabranche ist derweil nur bedingt Erleichterung zu erwarten: "Es gibt zwar neue Wirkstoffkombinationen, die vor der Zulassung stehen", sagt der Infektionsmediziner Gerd Fätkenheuer von der Universität in Köln. "Aber wirklich neue Antibiotika, die auch gegen multiresistente Erreger wirksam wären, werden absehbar nicht verfügbar sein."

Die größte Hürde bleibt derweil, Maßnahmen nicht nur national, sondern länderübergreifend durchzusetzen. Bakterien kennen keine Staatsgrenzen. Zumindest im Bereich der Tierhaltung plant das europäische Parlament derzeit eine Gesetzesänderung, die sich einigen gemeinsamen Zielen auf EU-Ebene nähert. Inkrafttreten wird sie, wenn alles gut geht, frühestens im Jahr 2018.

© SZ vom 21.09.2016/fehu

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