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Alzheimer:Angeborenes Vergessen?

Alzheimer gilt als Krankheit des Alters. Doch die ersten Anzeichen des Leidens lassen sich möglicherweise schon im Gehirn kleiner Kinder finden.

Alzheimer gilt als die Schreckenskrankeit des Alters; mit wenigen Ausnahmen sind fast alle Betroffenen der neurodegenerativen Erkrankung älter als 65 Jahre. Doch ihre ersten Anzeichen lassen sich womöglich bereits in den Gehirnen von kleinen Kindern finden:

Viele alte Menschen sind von Alzheimer betroffen. Die Anzeichen für eine spätere Erkrankung lassen sich möglicherweise bereits im Gehirn von Kindern erkennen.

(Foto: AP)

"Alzheimer scheint in der Tat angeboren zu sein", sagt der Neurologe Thomas Arendt vom Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig, der die neuen Befunde gemeinsam mit Kollegen veröffentlicht hat ( The American Journal of Pathology, Bd.177, S.15, 2010).

Die Wissenschaftler kamen zu ihrer Folgerung, nachdem sie Material aus den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten untersucht hatten, die an verschiedenen Stadien der Demenzkrankheit litten. Dabei entdeckten sie ungewöhnlich viele sogenannte hyperploide Neuronen.

Das sind Nervenzellen, die statt der üblichen zwei Chromosomenpaare vier oder sogar sechs von ihnen in sich tragen. Zwar finden sich solche überfrachteten Zellen auch im gesunden Erwachsenengehirn, ohne dass sie Unheil anrichten. "Im Gehirn von Alzheimer-Patienten stellen wir aber eine doppelt so hohe Anzahl fest", sagt Arendt. Es scheint eine Toleranzgrenze durchbrochen zu sein."

Arendt vermutet nun, dass die Überzahl an hyperploiden Neuronen mit verantwortlich ist für das massive Sterben von Nervenzellen, durch das sich Alzheimer auszeichnet. Die Forscher hätten somit einen weiteren Mechanismus bei diesem immer noch rätselhaften Verfallsprozess des Gehirns entdeckt.

Die neue Studie hat zudem eine weitere Implikation: Es scheint so zu sein, dass sich die anomalen Zellen bereits anhäufen, wenn die Betroffenen noch keine Ausfallerscheinungen aufweisen. Mit fortschreitendem Leiden nimmt die Zahl der hyperploiden Neuronen dann wieder ab, wahrscheinlich weil sie schwächer sind und eher sterben. So lasse sich zurückrechnen, dass die übergroße Gruppe dieser Zellen bereits im Kindesalter entsteht.

Als "interessanten und neuen Ansatz" bewertet auch der Neurologe und Psychiater Hans Förstl vom Klinikum der TU München die neue Studie. Sie zeige erstmals eindeutig, dass man bei Alzheimer noch weitere Faktoren berücksichtigen müsse; zugleich deuteten sich für die fernere Zukunft neue Therapieansätze an.