bedeckt München 26°

Jahrbuch Sucht:Eine Badewanne Stoff pro Kopf

130 Liter Bier, Wein und Schnaps trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr.

(Foto: Kelsey Chance/Unsplash)
  • Der Alkoholkonsum liegt in Deutschland bei zehn Liter Reinalkohol pro Kopf. Das ist ein leichter Rückgang um zweieinhalb Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
  • Das geht aus dem Jahrbuch Sucht hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht hat. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2017, neuere Daten liegen noch nicht vor.
  • Suchtforscher fordern, die Altersbeschränkung für Bier und Wein heraufzusetzen, um dem Alkoholmissbrauch durch Jugendliche beizukommen.

Eine Badewanne voll Bier, Wein, Sekt oder Hochprozentiges, gut 130 Liter, konsumierte jeder Deutsche 2017 im Durchschnitt. In Reinalkohol umgerechnet, entspricht das etwas mehr als zehn Litern pro Kopf. So geht es aus dem Jahrbuch Sucht hervor, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nun veröffentlicht hat. Zwar ist die Alkoholmenge knapp zweieinhalb Prozent niedriger als im Jahr davor, Deutschland zählt damit aber noch immer zu den Ländern, in denen besonders viel getrunken wird.

Mit Folgen: 2017 wurden mehr als 300 000 Patienten, drei Viertel davon Männer, mit psychischen Auffälligkeiten oder alkoholbedingten Verhaltensstörungen in deutsche Krankenhäuser eingeliefert. Und an den direkten Folgen des Alkoholkonsums, also an einer Suchterkrankung oder an Leberzirrhose, sterben jedes Jahr 74 000 Menschen. Andere Erkrankungen, deren Entstehung Alkohol langfristig ebenfalls befördert, sind hier nicht mit einberechnet.

Alkoholische Getränke, in Deutschland vergleichsweise billig und fast überall zu kaufen, müssten endlich teurer werden, fordert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Außerdem sei der Jugendschutz verbesserungsbedürftig: Bier und Wein können Jugendliche in Deutschland legal schon mit 16 Jahren kaufen, nach Meinung der Autoren sollte das Mindestalter auf 18 Jahre heraufgesetzt werden. Denn die Zahl der 10- bis 20-Jährigen, die mit einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme kommen, ist 2017 mit knapp 22 000 Fällen unverändert hoch geblieben.

74 Milliarden Zigaretten pro Jahr

Zahlen für das Jahr 2018 liegen der DHS für den Alkoholkonsum noch nicht vor, jedoch beim Rauchen: Die Zahl der Zigaretten, die alle Deutschen zusammen rauchten, sank 2018 im Vergleich zum Vorjahr um knapp zwei Prozent auf etwas mehr als 74 Milliarden. Noch immer sind trotz Rauchverboten in Restaurants und vielen öffentlichen Plätzen auch diejenigen betroffen, die gar nicht selbst rauchen: Jeder zehnte erwachsene Nichtraucher hält sich regelmäßig in Räumen auf, in denen er Passivrauch ausgesetzt ist, zeigte eine 2015 erschienene Studie. An Lungenkrebs, COPD und anderen Folgen des Rauchens sterben pro Jahr 120 000 Menschen in Deutschland.

Keine Fortschritte vermeldet die DHS zudem hinsichtlich des Medikamentenmissbrauchs. Nach Schätzungen sind zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Beruhigungs- und Schlafmitteln, vor allem ältere Menschen und Frauen. Dazu kommen 300 000 Menschen, die süchtig nach anderen Medikamenten sind.

Cannabis bleibt die beliebteste illegale Droge. Abgesehen davon konsumieren in Deutschland vergleichsweise wenige Menschen illegale Drogen. Etabliert hat sich als Handelsweg in den letzten Jahren das Darknet: Über verschlüsselte Internetseiten bestellen Konsumenten Cannabis, Ecstasy und andere Drogen und bekommen diese per Post zugeschickt.

Die Zahl der durch Rauschgift bedingten Todesfälle lag 2018 weitgehend unverändert bei etwas mehr als 1200 Menschen. Das Durchschnittsalter der Rauschgifttoten ist auf 39 Jahre angestiegen. Denn die Todesfälle werden mittlerweile neben Überdosierungen verstärkt auch durch Langzeitfolgen des Drogenkonsums verursacht, wie Organschäden und psychische Krankheiten.

Medizin Alkohol darf nicht länger verharmlost werden

Schädlicher Alkoholkonsum

Alkohol darf nicht länger verharmlost werden

Werden Wein, Whisky und Prosecco weiterhin als Kulturgut geadelt und nicht als Bedrohung verstanden, lassen sich Gesundheitsschäden, etwa bei Neugeborenen, auch künftig kaum vermeiden.   Kommentar von Werner Bartens