Reden wir über Geld: Katja Kipping "In Wirklichkeit bin ich dreckigblond"

SZ: Und wer soll dieses Grundeinkommen überhaupt bezahlen?

Kipping: Es muss eine enorme Umverteilung geben. Das reichste Drittel der Gesellschaft muss draufzahlen.

SZ: Das haben wir uns schon gedacht. Aber sagen Sie mal: Ihr Modell mit den vier Arbeitsarten, die gleichwertig sein sollen - gilt das auch für Politiker?

Kipping: Mein Anspruch an mich wäre, in allen vier Bereichen tätig zu sein.

SZ: Und, klappt das?

Kipping: Politisches Engagement und Erwerbsarbeit fallen bei mir immerhin schon mal zusammen. Aber ich gebe zu: Bei der Muße, also einer Form der Arbeit an sich selber, hapert es.

SZ: Eben. Als Berufspolitikerin gehören Sie doch zu den Workaholics.

Kipping: Sie haben recht, das ist ein Widerspruch. Aber ich arbeite an mir, mehr Zeit für Muße zu finden. Mir wäre es wesentlich lieber, alle Menschen hätten einen Teilzeitjob, als dass ein paar irre viel arbeiten und die anderen erwerbslos sind. Aber: Ich habe selbst viele 70-Stunden-Wochen, wobei mir die Grenze zwischen Ehrenamt und Arbeit fließend ist.

SZ: Sind Sie eine Karrieristin? Ihr Lebenslauf sieht jedenfalls so aus.

Kipping: Könnte man meinen. Dabei bin ich der Auffassung, dass man den kapitalistischen Komparativ nicht ins eigene Leben verinnerlichen soll. Zu den meisten Ämtern bin ich eher zufällig gekommen. Das Amt der stellvertretenden PDS-Bundesvorsitzenden zum Beispiel, das war eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Der Landesvorstand hat mich überredet, weil die Partei in der Krise war und man jemanden brauchte, der unbelastet war und sich durchsetzen kann.

SZ: Ihr Parteikollege Lothar Bisky hat mal über Sie gesagt, Sie könnten linke Politik auch auf dem Plakat gut rüberbringen. Ihr eigener Parteichef hält Sie also für ein rothaariges Dummchen, mit dem man Stimmen fängt.

Kipping: Er hat das auf Nachfrage eines Journalisten gesagt und ist da in die Falle getappt. Er sagte, natürlich sei das nicht von Nachteil. So was wird dann immer aus dem Zusammenhang gerissen.

SZ: Wie lange müssen Sie sich Ihr Alter noch vorhalten lassen?

Kipping: Sie meinen eher: Wie tief müssen die Augenringe noch werden, damit das aufhört? (lacht) Ich bin ja mit 21 in den Landtag gekommen und habe mich ausgerechnet in der Verkehrspolitik engagiert. Da hat es mit den älteren Männern schon manchmal ganz schön gekracht. Heute amüsiert mich das eher und ich merke, dass das auch so eine Unbeholfenheit der Männer ist.

SZ: Weil die alten Männer nicht damit umgehen können, dass Sie jung sind und gut aussehen?

Kipping: Eher weil meine Art, mich durchzusetzen, so anders ist als die ihre. Aber mittlerweile gibt es ja mehrere junge Frauen bei uns.

SZ: Die sind alle rothaarig. Färben Sie alle sich die Haare in der Parteifarbe?

Kipping: Heute hat mich ein Journalist gefragt, ob eine junge Rothaarige in der Fraktion nicht reichen würde. Da habe ich ihn gefragt, ob er die Frage einem Mann mit grauem Haar ebenso gestellt hätte.

SZ: Sie sind in Wirklichkeit aber blond, oder?

Kipping: Dreckigblond, ja. Aber ich hab mir die Haare schon mal zu Abiturzeiten gefärbt, als an Parteimitgliedschaft nicht zu denken war. Das war eigentlich ein Gag auf der Geburtstagsfeier einer Freundin.