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Kartografie:Vermessene Welt

Wo sind Sie denn gerade? (Illustration: Stefan Dimitrov)

Digitale Karten sind heute selbstverständlich. Doch sie zu erstellen ist so aufwendig, dass nur noch drei Firmen das Geschäft betreiben.

Von Helmut Martin-Jung

Was für ein merkwürdiger Stau: Alle paar Minuten schien der dichte Verkehr wie von Zauberhand aufgelöst zu sein, nur um sich kurz darauf wieder zäh und nervenzehrend gen Innenstadt zu wälzen. Das war die Datenlage, als die Ingenieure von Tomtom beschlossen, an Ort und Stelle nachzusehen. Und schnell war den Mitarbeitern des Navigationsdienstleisters klar, was da in einem Außenbezirk von Amsterdam passierte: Direkt neben der Autobahn verlief eine Bahnstrecke. Immer wenn ein Zug vorbeifuhr, bewegten sich die Handys der Fahrgäste darin schnell voran. Und sobald der Zug vorbeigerauscht war, meldeten die Mobiltelefone der Autofahrer wieder wie zuvor: Stau.

Die Bewegungsdaten von Handys sind noch immer eine wichtige Quelle für die Anbieter von Echtzeit-Navigationssystemen. Die Netzanbieter, die ohnehin wissen müssen, wo sich ein Handy befindet - sonst könnte man es ja nicht anrufen -, geben diese Daten in anonymisierter Form weiter. Mittlerweile aber liegen durch die vielen Geräte zum Flottenmanagement so viele Daten von hoher Qualität vor, dass die Bedeutung von Handy-Bewegungsdaten abgenommen hat. Denn die Geräte, mit denen zum Beispiel Speditionen oder Taxi-Unternehmen erfassen, wo ihre Fahrzeuge gerade sind, arbeiten mit GPS, und das liefert erheblich genauere Informationen als die Handydaten.

Mitarbeiter in Indien fahren deutsche Autobahnen am Bildschirm ab

Dass heute von nahezu jedem Land der Erde digitales Kartenmaterial vorliegt, nimmt man wie selbstverständlich hin. Doch dies zu erstellen, ist sehr aufwendig, sodass mittlerweile nur noch drei Firmen das Geschäft betreiben: Google, Tomtom und Nokia. Außerdem gibt es auch das Open-Source-Projekt Open Street Map, bei dem Freiwillige die Daten erfassen. Diese digitalen Karten sind die Grundlage dafür, dass der Verkehrsfluss auf Straßen überhaupt erst erfasst werden kann.

Bei Tomtom fahren dazu Autos mit Rundumkameras die Strecken ab, auf Computern mit spezieller Software werden außerdem bestimmte Merkmale der Straße eingegeben, zum Beispiel, dass es sich um eine Einbahnstraße oder eine Sackgasse handelt. Die Spezialfahrzeuge spulen auch die Autobahnen ab. Die Zusatzinformationen wie etwa feste Geschwindigkeitsbegrenzungen werden dann aus Kostengründen von Mitarbeitern in Indien erfasst. Diese fahren die Autobahn anhand der Bilder, die alle paar Meter aufgenommen werden, virtuell ab und pflegen die Daten ins System ein.

Zunehmend wichtig werden auch Beiträge von Nutzern. Wenn diese sich plötzlich vor eine Straßensperre wiederfinden, können sie das ihrem Navi mitteilen - in der Hoffnung, dass andere das ebenfalls tun und somit ein aktuelles Bild der Verkehrslage entsteht. Auf diesem Prinzip basiert zum Beispiel das System Coyote, das aus Frankreich stammt und dort sehr erfolgreich ist. Die Navigationsfirmen müssen allerdings auch darauf achten, dass die Informationen korrekt sind. Das tun sie mit technischen Überprüfungen, etwa anhand der Handy-Bewegungsdaten oder mit Bewertungen der Informationsgeber. Sind dessen Angaben richtig, steigt sein Vertrauenslevel.

© SZ vom 05.11.2014/hatr

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