Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus:Der gefeuerte Heilige

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Unter Beschuss: Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Erfinder des Mikrokredits, war in Bangladesch ein Idol. Jetzt wird er aus der Führung seiner Bank gedrängt, weil er den Politikern seines Landes zu unbequem wurde.

Alina Fichter

Muhammad Yunus dürfte fassungslos gewesen sein, als er diesen Brief las: Er müsse all seine Posten aufgeben und gehen, steht darin. Als Chef der Grameen Bank, die er gegründet und groß gemacht hat, soll er zurücktreten. Am besten sofort.

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: Durchaus selbstbewusst: Muhammad Yunus hält sein Konzept der Kleinkredite für ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen die Armut. Doch nun hat er im eigenen Land viele Gegner.

Durchaus selbstbewusst: Muhammad Yunus hält sein Konzept der Kleinkredite für ein wirkungsvolles Mittel im Kampf gegen die Armut. Doch nun hat er im eigenen Land viele Gegner.

(Foto: AFP)

Auch dass es die Bangladesh Bank war, also die Zentralbank seines Heimatlandes, die den Brief an den Finanzminister in Dhaka und in Kopie an Yunus selbst geschickt hatte, muss den 70-Jährigen getroffen haben - hatte die Notenbank seine Ideen doch bisher stets unterstützt. Plötzlich hat sie sich gegen ihn gewendet. Wie viele andere auch.

Mohammed Yunus, Friedensnobelpreisträger und Pionier der Mikrokredite, kämpft um sein Lebenswerk. Es scheint, als sei ein Feuerfunke auf sein Erbe gefallen, dann noch einer; jetzt droht es, in den Flammen unterzugehen. Die Zentralbank ist die vorerst letzte Stimme in einem schrillen, immer lauter werdenden Chor, der ein ehrverletzendes Lied auf Yunus angestimmt hat.

Dabei kannte er bis vor kurzem doch nur eins: Lobeshymnen. Überall, wo er hinkam, wurde er empfangen, gefeiert und geliebt; Yunus besuchte den amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton, dozierte vor den Wirtschaftselite in Davos, die Firmenlenker von Adidas; Danone und BASF schmückten sich mit ihm und seinem Namen.

Die Mächtigen hörten ihm zu, würdigten seine Erfindung: den Mikrokredit. Damit gründen arme Menschen vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika kleine Unternehmen und befreien sich so selbst aus der Misere.

Aus Mitleid armen Frauen geliehen

Durchaus selbstbewusst predigte der kleine Mann, auf dessen Gesicht meist ein breites Lächeln lag, seine Mikrokredite hätten das Zeug dazu, die Armut der Welt in ein Museum verbannen. Als Ausstellungsstück, für das im echten Leben kein Platz mehr sei. Viele glaubten Yunus' Worten, dankbar für seinen Eifer.

Der nahm seinen Anfang in den siebziger Jahren. Damals war Yunus Wirtschaftsprofessor in Chittagong und begann aus Mitleid, armen Frauen Geld zu leihen, die Zentralbank unterstützte ihn dabei. 1983 gründete er dann die Grameen Bank - zu deutsch: Dorfbank - und damit das erste Geldinstitut, das den Allerärmsten kleine Kredite gewährt. Im Jahr 2006 wurde er für sein Bemühen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Idee wurde als Allheilmittel gefeiert - und Yunus in Bangladesch, aber auch im Rest der Welt wie ein Heiliger verehrt.

Und heute? Heute verteufeln ihn seine Kritiker. Unter den Beschuldigungen, die auf Yunus einprasseln, ist die der Zentralbank noch die sanfteste: Dass Yunus noch immer Vorstand der Grameen Bank sei, verstoße gegen das Gesetz, steht in dem Brief an den Finanzminister. Mit seinen 70 Jahren habe er das Pensionsalter für Spitzenkräfte privater Banken in Bangladesch um zehn Jahre überschritten; zudem sei nicht vorgesehen, dass jemand eine Bank 28 Jahre lang führe, wie Yunus das tut. Konsequenz für die Zentralbank: Ab sofort erkennt sie ihn einfach nicht mehr als Vorstand von Grameen an. Er soll seinen Posten räumen.

Politisch motivierte Kampagne

Die Reaktion kam prompt - von Muzammel Huq, der kürzlich von der Regierung zum Grameen-Aufsichtsratchef berufen worden war. Er kündigte an, Yunus' Stellvertreter werde das Tagesgeschäft vorerst übernehmen, bis ein Nachfolger für den Friedensnobelpreisträger gefunden sei. Yunus wehrt ab: Er wolle selbst im Amt bleiben.

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