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Euro-Krise:Triumph über die Egoisten

Das Resultat des EU-Gipfels ist eine Sensation: der Einstieg in einen Europäischen Währungsfonds. Die 17 Euro-Länder haben eingesehen, dass sie nur als echte Gemeinschaft überleben können. Ein stiller Triumph für Wolfgang Schäuble.

Cerstin Gammelin

Menschen mit Visionen werden gern belächelt oder zum Arzt geschickt. Auf lange Sicht aber werden solch abfällige Urteile meist von der Realität eingeholt - so geschehen am Donnerstag in Brüssel. Dort beschlossen die 17 Staats- und Regierungschefs des elitären Euro-Klubs überraschend den Einstieg in einen Europäischen Währungsfonds. Man mag diesen Beschluss hin- und herwenden und Details als unausgegoren kritisieren. Aber niemand kommt darum herum einzugestehen: Das ist eine Sensation.

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Der griechische Premier Giorgos Papandreou, der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, und Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso.

(Foto: AFP)

Es ist eine Sensation, dass den Europäern dieser Beschluss in einer Atmosphäre gelungen ist, in der nationale Interessen die europäischen zu verdrängen drohen, Euro-Skeptiker großen Zulauf haben und die Bürger müde geworden sind, ständig neue Hiobsbotschaften rund um den Euro zu hören. Diesem Abdriften ins Nationale setzen die Staats- und Regierungschefs eine starke Botschaft entgegen. Einen Europäischen Währungsfonds zu etablieren, bedeutet nichts weniger, als dass 17 Länder endlich als das auftreten, was sie vorgeben zu sein: eine Gemeinschaft.

Freilich, eine Alternative hatten sie auch gar nicht. Die Reihen zu schließen, war die einzige Möglichkeit, um zu verhindern, dass die griechische Krise einen europäischen Flächenbrand auslöst. Als vor ein paar Tagen die großen Volkswirtschaften Italien und Spanien zu straucheln drohten, schien das Ende der Währungsunion plötzlich absehbar zu sein.

Plötzlich war klar, dass die Märkte ein Land des Euro-Klubs nach dem anderen attackieren und in den Abgrund treiben könnten, dass sie vor Spanien und Italien nicht stehenbleiben würden, und auch nicht vor Frankreich oder Deutschland. Alle Länder sind so hoch verschuldet wie noch nie, niemand kann es sich leisten, immer mehr Geld für Zinsen und Zinseszinsen zu zahlen, auch Deutschland nicht. Die schlichte Einsicht, nur als echte Gemeinschaft überleben können, hat 17 Egoisten zum gemeinsamen Handeln gezwungen.

Ziemlich zügig soll der als Geldtopf für Notfälle gegründete Euro-Rettungsfonds nun zum Europäischen Währungsfonds ausgebaut werden. Er muss einige neue Aufgaben übernehmen - alles unter der Prämisse, den Euro-Klub zu stärken und drohende Attacken wettfreudiger Finanzmanager ins Leere laufen zu lassen.

Ähnlich wie der Internationale Währungsfonds in Washington agiert der Europäische Fonds künftig vorbeugend. Für bedrohte Staaten wird eine konkrete Kreditlinie eingerichtet - als Zusage für die Zukunft. Dafür müssen sie ihren Haushalt in Ordnung bringen. Der Trick: Allein die Kreditlinie verhindert Schlimmeres. Droht eine ernsthafte Krise, darf der Fonds auch Staatsanleihen aufkaufen oder den Regierungen Geld geben, damit die ihre Banken stützen können, freilich alles streng konditioniert.

Für einen der Schöpfer dieser Idee ist das ein stiller Triumph. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble blieb in der entscheidenden Nacht unerwähnt. Freuen dürfte er sich dennoch. Er war es, der vor mehr als einem Jahr das Konzept eines Europäischen Währungsfonds auf den Tisch der Euro-Retter legte. Sein Credo: Die Währungsgemeinschaft muss einen Geburtsfehler beheben und nicht nur gemeinsam Geldpolitik, sondern auch Wirtschaftspolitik betreiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel ging das lange viel zu weit. Jetzt wurde sie durch die Realität der Krise gezwungen, dem Euro-Visionär in den eigenen Reihen zu folgen.

© SZ vom 23.07.2011/lom, luk
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