Süddeutsche Zeitung

Axel Weber:Abgang ohne Glanz

Bundesbank-Chef Axel Weber hat sich alles verbaut. Ein Wechsel zur Deutschen Bank darf nicht sein. Der so kluge und sachkundige Professor Weber kann nur wieder in die Wissenschaft gehen - oder ins Ausland.

Angela Merkel, so scheint es, hat mit ihrem Spitzenpersonal kein Glück. Erst wurde sie von Horst Köhler düpiert, als dieser ohne Absprache vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat. Dann erfährt sie kurz vor knapp, dass Bundesbank-Präsident Axel Weber, ihr wichtigster Mitstreiter bei der Rettung des Euro, von der Fahne zu gehen beliebt. Köhlers Rücktritt erschütterte das Vertrauen ins höchste Amt des Staates, Webers Ankündigung eines Rückzugs beschädigt ein in der Euro-Krise zentral wichtiges Amt. In beiden Fällen stand und steht die Kanzlerin begossen da. Ob das einem Helmut Schmidt, einem Helmut Kohl auch hätte geschehen können? Wie steht es um den Respekt vor der Regierungschefin?

Webers Ankündigung war Anlass zu wilden Spekulationen: Hat hier ein Euro-Skeptiker aufgegeben, einer, der die Mauscheleien nicht mehr mitmachen wollte? Ist nun die ganze Stabilität zum Teufel? Das muss nicht sein, nicht wegen des Mannes und nicht wegen der Sache. Was immer der Bundesbankpräsident zur Begründung schon gesagt hat und noch sagen wird - Fragen bleiben. Weber lässt kaum jemanden wirklich in seine Karten gucken. Der nette, offene Abiturient aus der pfälzischen Provinz ist auf dem Weg nach ganz oben eine Sphinx geworden. Mit der Macht wurde der Körper bullig und die Rede verschwiegen.

Der vielgerühmte Finanzwissenschaftler, der Netzwerker, dessen Schüler an zentralen Positionen in Kanzleramt und Finanzministerium sitzen, ist wichtiger als die meisten Minister. Vor Weber hatte die Bundesbank keine wirkliche Rolle mehr und kein Selbstbewusstsein. Beides hat sich geändert - auch dank Weber. Aber der Präsident war nicht vollkommen, allenfalls im eigenen Anspruch. Bei der Bankenkontrolle hat die Bundesbank Fehler gemacht. Der Fall des Vorstandskollegen Thilo Sarrazin lief Weber aus dem Ruder, die Bundesbank wurde zur Lachnummer.

Unglücklich agierte Weber auch in der Schuldenkrise. Zu Recht hat er intern versucht, den Kauf von Schuldscheinen schwacher Euro-Länder durch die Notenbank zu verhindern. Mit dieser Entscheidung aus dem Mai 2010 hat sich die Europäische Zentralbank die Hände schmutzig gemacht, aus ordnungspolitischer Sicht war das ein fataler Fehler. Webers Umgang damit machte es leider nicht besser. Der Bundesbank-Präsident machte seinen Dissens mit der EZB öffentlich, direkt am Tag nach der Entscheidung, provokativ in einem Interview - ein Verstoß gegen die guten Sitten seines Metiers. Kaum noch vorstellbar, dass er jetzt noch EZB-Präsident werden konnte, aber Martin Luther Weber konnte nicht anders. Ein Mann von großem Sachverstand, auch von Prinzipien, scharf, rechthaberisch, arrogant. Krisenmanager sind anders.

So wie Jean-Claude Trichet, der EZB-Präsident, den man früher in seinem Heimatland Frankreich wegen seines Hangs zur Stabilitätspolitik wütend "den Deutschen" nannte, der aber in höchster Not auch nachgeben kann, ehe der ganze Euro-Raum zerbröselt. Einer wie er muss die EZB und den Euro in die Zukunft führen, ein Diplomat mit klaren marktwirtschaftlichen Prinzipien, nicht einen Rechtgläubiger mit destruktiver Ader.

Axel Weber wiederum muss sich darüber im Klaren sein, dass ihm unter moralischen Gesichtspunkten viele attraktive berufliche Positionen verschlossen sind. Ein Wechsel zur Deutschen Bank, worüber am Mittwoch spekuliert wurde, darf ganz gewiss nicht sein. Der Mann, der die Finanzinstitute beaufsichtigt hat, der alle Tricks kennt, wechselt zum größten Spieler auf diesem Feld? Niemals.

Weber würde ein mehrfaches Millionengehalt gewinnen, aber alle Reputation verspielen und dem Ansehen von Wirtschaft einen dramatischen Schaden zufügen. Eigentlich traurig: Der so kluge und sachkundige Professor Weber kann nur wieder in die Wissenschaft gehen - oder ins Ausland.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1057884
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.02.2011/mel
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.