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Altersvorsorge:Wenn in der Rentenversicherung plötzlich nichts mehr garantiert ist

Älteres Paar

Von der Fonds-Schließung betroffene Kunden sollten ihre Police nicht kündigen, raten Verbraucherschützer - sich aber dringend selbst über Alternativen für ihre Geldanlage informieren.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Fondsgesellschaft DWS schließt mehrere Garantiefonds mit einem Gesamtvolumen von etwa 2,4 Milliarden Euro.
  • Davon betroffen sind vor allem Versicherungskunden, deren Altersvorsorge bei der Fondstochter der Deutschen Bank angelegt wurde.
  • Nun sollen sie in andere Fonds wechseln, mit mehr Risiko und häufig deutlich höheren laufenden Kosten.

Vor ein paar Wochen, als Werner Focker seinen Briefkasten aufschließt, da scheitert sein Plan. Da hält Focker einen Brief der Versicherung WWK in den Händen, öffnet ihn drinnen in seinem Haus, zieht vier gefaltete Din-A4-Seiten heraus, datiert auf den 26.09.2016. Werner Focker quält sich durch das Versicherungs-Deutsch, liest Wörter wie "Chance-Risiko-Verhältnis" und versteht wenig. Außer: Der Fonds, in den er vor Jahren über die WWK investiert hat, wird geschlossen. Focker wollte mit dem DWS Flexpension einen Teil seiner Rente ersparen, das war der Plan. Heute, sagt Focker, versteht er den Brief besser und findet: "Der Versicherer hat unsportlich gehandelt".

Kaum ein Deutscher setzt sich gerne mit seinen Finanzen auseinander, aber die Europäische Zentralbank zwingt sie dazu. Sie hat die Zinsen auf null Prozent gesenkt - und alle Geldanlage-Gewissheiten zerstört, die die Deutschen je erlernt hatten. Sparbücher eignen sich nicht mehr zum Sparen, Bausparkassen kündigen Bausparern und plötzlich schließen etliche Fonds, etwa die DWS Flexpensions mit Laufzeiten bis 2025. Rund eine Million Deutsche haben darin investiert, beispielsweise über Lebens- und Rentenversicherungen der Aachen-Münchener und der WWK. Vielerorts trudeln die Briefe der Finanzfirmen ein, sie irritieren Sparer wie Werner Focker - und führen bei Verbraucherschützern wegen mehrerer Fallstricke zu Kritik.

Niedrigzinsen und Garantien fressen Rendite auf

Focker, 55, ist selbständiger Physiotherapeut in der Nähe von Singen am Bodensee und achtet bei der Geldanlage vor allem auf Sicherheit - und hat deshalb den DWS Flexpension gekauft, einen Garantiefonds. Bei diesem Modell können Fockers Fonds-Anteile nicht an Wert verlieren, sondern nur gewinnen. Investiert etwa Focker 100 Euro, erhält er die am Ende der Fondslaufzeit wieder - oder mehr, wenn es gut läuft. Aber in der Niedrigzins-Ära können Garantiefonds kaum noch Gewinne erzielen, das Konzept ist tot. Daher schließt die Deutsche-Bank-Tochter DWS die Fonds.

Die Versicherer WWK und Aachen- Münchener haben die Kunden wie Werner Focker vor die Wahl gestellt: Sie können entweder selbst bis Mitte November einen Alternativ-Fonds auswählen - oder die Versicherer schichten das Guthaben des alten Fonds automatisch in einen "möglichst gleichwertigen" neuen Fonds um. Betroffene sollten jedoch nicht blind den vorgegebenen Fonds übernehmen, warnen baden-württembergische Verbraucherschützer. Sie haben Schreiben an Versicherte ausgewertet, etwa das an Werner Focker. Bilanz: "Die Kunden können ungewollt an einen riskanteren Fonds geraten", sagt Verbraucherschützer Niels Nauhauser. Die neuen Fonds sind erstens keine Garantiefonds mehr, sondern ganz gewöhnliche.

Mehr Risiko, höhere Kosten - und lückenhafte Infos

Aus den Schreiben der Aachen-Münchener etwa geht das aber kaum hervor, findet Experte Nauhauser, obwohl die Folge drastisch ist: Kunden können nun mit ihren Fonds-Anteilen Verlust machen, aus 100 Euro können 90 Euro werden. Zweitens legen die vorgeschlagenen Fonds das Kundengeld oft riskanter an als die alten. Fockers alter Fonds etwa gehörte zur Risikoklasse drei, der neue zu vier. Das muss nicht schlecht sein, weil ein höheres Risiko höhere Chancen bedeutet, jedoch steigen Chancen und Risiken nicht im selben Maße. Denn die neuen Fonds sind drittens häufig etwas teurer als die alten. Für den DWS Flexpension zahlte Focker eine Jahres-Gebühr von 1,15 Prozent, jetzt sollen es 1,93 Prozent sein - das schmälert den Gewinn, während das Risiko gestiegen ist. Die WWK und die Aachen-Münchener erwähnen in ihren Briefen jedoch weder Risikoklassen noch Kosten.

Viertens bemängelt Experte Nauhauser, dass Informationen über die Alternativ-Fonds fehlen. WWK und Aachen-Münchener haben ihren Briefen keine detaillierte Listen beigefügt, die über die Kosten und Risiken aufklären. Die Firmen verweisen auf Zusatz-Erklärungen auf ihren Webseiten, allein: Die Aachen-Münchener etwa informiert online teils nicht über die Risiken. "Ein direkter Vergleich der Fonds ist so unmöglich", sagt Nauhauser. Er rät Verbrauchern davon ab, ihre Renten- oder Lebensversicherung zu kündigen. Besser sei es, sich erst mal auf den Webseiten der Fondsanbieter zu informieren, welcher Alternativ-Fonds was bietet.

Die WWK äußerte sich auf Anfrage nicht zu der Kritik. Die Aachen-Münchener teilt mit, der "Ersatzfonds sei selbstverständlich nicht unter Kostengesichtspunkten, sondern aufgrund der Versicherungsbedingungen und der Frage der Gleichartigkeit ausgewählt worden".

Werner Focker ist enttäuscht von der WWK. Die hätte ihn, den Laien, doch mal anrufen können, um das alles zu erklären. "Mit Finanzen geht es mir so wie mit meiner Heizung: Die verstehe ich auch nur ungefähr". Wenn die kaputt ist, brauche er eben einen Monteur.

© SZ vom 14.11.2016/sry

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