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Wireless Emergency Alerts:Kindesentführungen, Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit - und Botschaften vom Präsidenten

Unabhängig von den Bedenken, die Öffentlichkeit mit einer 81-Zeichen umfassenden Push-Benachrichtigung über einen Tatverdächtigen zu informieren, sind die WEAs in den USA eigentlich ein etabliertes und durchaus sinnvolles Mittel, die Bevölkerung zu warnen. Obwohl sie aussehen wie gewöhnliche SMS, haben sie damit kaum etwas gemeinsam. Sie werden an alle Smartphones in Reichweite eines bestimmten Mobilfunkmasten ausgeliefert, unabhängig von der Netzauslastung. "Egal, wie viele Menschen Katzenvideos streamen oder Pokémon Go spielen, taucht die Nachricht in kürzester Zeit auf jedem Gerät auf", beschreibt es das Tech-Portal Motherboard. Insbesondere in Katastrophensituationen, "wenn jeder versucht, seine Mama anzurufen", seien die WEAs deshalb hilfreich.

Seit 2012 der erste Alarm verschickt wurde, haben mehr als 500 Behörden, darunter Bezirks-Sheriffs, Stadt- und Bundesstaatsregierungen, Militär, Polizei und Feuerwehr, das System rund 21 000 Mal eingesetzt. New York kündigte etwa 2012 während des Hurrikans Sandy die Evakuierung der Stadt an, verhängte im vergangenen Jahr ein Fahrverbot wegen eines heftigen Blizzards, warnte die Bewohner des Stadtteils Chelsea am Sonntag nach der Explosion vor einer möglichen weiteren Bombe - und machte am Montag alle New Yorker zu Hilfspolizisten.

Es gibt drei Anlässe für WEAs: Die sogenannten Amber-Alerts, wenn Kinder entführt werden; unmittelbare Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit, häufig schwere Unwetter oder andere Naturkatastrophen; außerdem kann der Präsident den US-Amerikanern im Fall der Fälle eine Push-Nachricht schicken und vor landesweiten Notfällen warnen - das ist bislang aber nie passiert. Die ersten beiden Benachrichtigungen können Smartphone-Besitzer manuell deaktivieren, nur die Botschaften aus dem Weißen Haus werden zwangsweise allen Menschen in Reichweite eines Mobilfunkmasts zugestellt.

Viele Empfänger ignorieren die Nachrichten einfach

Für deutsche Ohren mag das Alarmsignal ungewohnt und, ganz im Sinne der Erfinder, tatsächlich alarmierend klingen. Menschen in den USA scheinen sich aber zunehmend daran zu gewöhnen. Alleine in den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden genauso viele WEAs abgeschickt wie in den drei Jahren zuvor. Das führt offenbar zu einer Abstumpfung. Brooke Liu, Professor an der University of Maryland, hat den Umgang mit den Alarmsignalen erforscht und festgestellt, dass die Empfänger der Botschaften kaum erschrecken oder in Panik geraten. Das größere Problem sei vielmehr, dass die Leute die Nachrichten schlicht ignorieren würden, sagte Liu dem Online-Portal Fivethirtyeight.

Zumindest der Bürgermeister von New York verteidigt das Vorgehen im Fall von Rahami. "Nach allem, was wir bislang wissen, hat es definitiv dazu beigetragen, den Verdächtigen festzunehmen", sagte Bill de Blasio - allerdings ohne ins Detail zu gehen. Und schon bald könnte die Polizei auch längere, multimediale Steckbriefe als WEAs verschicken: Die Federal Communications Commission will die Netzbetreiber überzeugen, die Länge auf 360 Zeichen zu vervierfachen und auch Bilder und Videos zuzulassen.

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