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Wikileaks:Die Hacker-Kultur erobert die Weltbühne

Mit Wikileaks betritt eine Subkultur die Weltbühne, die fremd und undurchdringlich wirkt - die Hacker. Ihr Ethos spiegelt sich auch im Enthüllungsportal.

Andrian Kreye

Es ist nicht ganz einfach, die Frage zu klären, ob Wikileaks-Gründer Julian Assange nun ein Revolutionär ist, der mit Hilfe der digitalen Technologie ein neues Niveau der politischen Transparenz geschaffen hat.

Oder ob er letztlich doch nur ein Anarchist ist, der mit dem selbstgerechten Gestus des Weltretters viel Schaden anrichtet. Beides stimmt. Der Mann ist aber vor allem deswegen so schwer zu verstehen, weil er aus einer Kultur stammt, die bisher nur als Phantom durch die Öffentlichkeit geisterte.

Assange ist eine der prominentesten Figuren der Hackerszene, einer Subkultur, die sich gerade deswegen dem allgemeinen Verständnis entzieht, weil sie sich nicht nur hermetisch vom analogen Rest der Welt abschottet, sondern weil sie eine Sprache spricht, die nur wenige beherrschen - die Codes und Algorithmen des Computers.

Und weil sie mit dieser Sprache in jedes nur erdenkliche Computernetzwerk eindringen können, gelten Hacker als notorische Störenfriede, die einsam vor ihrem Computer Unheil anrichten, das immer bedrohlicher wird, je abhängiger Wirtschaft, Politik und Alltag von Computernetzwerken werden.

Mit Wikileaks hat die Kultur der Hacker nun die Weltbühne betreten. Es macht es natürlich nicht leichter, dass Assange kein sonderlich sympathischer Mann ist.

Revolutionäre sind selten sympathisch

Im persönlichen Gespräch wirkt der 39-Jährige auf der einen Seite aufdringlich selbstherrlich, wenn er immer wieder betont, dass seine Arbeit den Lauf der Weltgeschichte verändere.

Auf der anderen Seite spricht er mit seiner tiefen Stimme so leise und monoton, starrt er einem beim Gespräch so eindringlich in die Augen, dass sich der Eindruck aufdrängt, er leide unter Verfolgungswahn im fortgeschrittenen Stadium. Doch Revolutionäre waren selten sympathische Menschen. Das ist wahrscheinlich das einzige, was Jassir Arafat, Robert Mugabe und Miles Davis gemeinsam haben.

Aber auch seine charakterlichen Mängel erklären sich aus einer Vergangenheit als Hacker. Julian Assange gehörte in seiner australischen Heimat schon früh zu jenen Jugendlichen, die mit geradezu autistischer Akribie Programmier- und Codierfähigkeiten entwickeln, mit denen sie sich im digitalen Gestrüpp der Computernetzwerke so leicht und behende bewegen können wie ein Pfadfinder im Mischwald.

1987 bekam Assange sein erstes Modem. Da war er 16 Jahre alt und lebte mit seiner Mutter seit Jahren auf der Flucht vor einem potentiell gefährlichen Stiefvater. Mit zwei anderen Hackern gründete er die Gruppe "International Subversives".

Die drang unter anderem in die Computernetzwerke des amerikanischen Verteidigungsministeriums und des Atomlabors in Los Alamos ein. Seit die australische Polizei bei einer Razzia Assanges komplette Ausrüstung beschlagnahmte, fühlt er sich, oft zu Recht, von Behörden beobachtet und verfolgt.

Mit zwanzig drangen die "International Subversives" in den Zentralserver der kanadischen Telefonfirma Nortel ein, der in Melbourne stand. Assange wurde verhaftet, angeklagt und verlor das Sorgerecht für seinen Sohn. Er kam mit einer Geldstrafe davon. Doch die drei Jahre hinterließen schwere Spuren.

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