US-Wahl So reagiert Twitter auf Trumps Kommentar zum Waffenbesitz

Die Reaktionen auf Trumps nebulöse Aussagen zum Second Amendment zeigen, dass Twitter ein Echtzeit-Medium ist.

(Foto: AP)

Wie genau ist Trumps Aussage zu verstehen? Die Waffenlobby nimmt den Republikaner natürlich in Schutz - und Konservative beschimpfen die Medien.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Im US-Wahlkampf 2016 spielen soziale Netzwerke eine besondere Rolle. Die Algorithmen von Facebook stellen sicher, dass Menschen nur Nachrichten serviert bekommen, die ihnen gefallen werden. Die Konsequenz: Trump-Fans sehen Artikel, in denen Trump gefeiert und Clinton verachtet wird. Clinton-Fans wird das genaue Gegenteil geliefert. Die eigene Präferenz wird bedient, der Rest außer Acht gelassen, wie sich in dieser interaktiven Darstellung des Wall Street Journal überprüfen lässt.

Die Reaktionen auf Trumps nebulöse Aussagen zum Second Amendment zeigen, dass Twitter hingegen ein Echtzeit-Medium ist. Deswegen kommt dem sozialen Netzwerk eine womöglich bedeutendere Funktion zu. Aussagen der Kandidaten werden auf Twitter analysiert, sobald die Worte gesprochen sind. Diese ersten Eindrücke greifen Journalisten und Blogger auf. Von diesem Zeitpunkt an ist klar, worüber in den folgenden Tagen diskutiert wird.

So war es, als Donald Trump ein Foto von Hillary Clinton samt einem sechszackigen Stern teilte. Das Bild wurde als antisemitisch kritisiert. So war es, als Khizr Khan während des demokratischen Parteitages über seinen gefallenen Soldatensohn sprach. Und so ist es auch am Dienstag, als Trump in North Carolina auftritt.

Trump warnt wie so oft vor Hillary Clinton als Präsidentin. Diese wäre befugt, Richter für den Obersten Gerichtshof zu nominieren. Diese wiederum würden das Recht auf Waffenbesitz abschaffen. Das könne niemand verhindern, klagt Trump und orakelt: "Außer vielleicht die Unterstützer des Rechts auf Waffenbesitz, vielleicht können die, ich weiß es nicht."

Wie genau ist diese Aussage zu verstehen? Der Kampf um die Deutungshoheit beginnt sofort, wie die Reaktionen von Journalisten, Politikern und der Waffenlobby zeigen.

Das ist die Kritik an Trump

Auf demokratischer Seite äußert sich Tim Kaine, running mate von Hillary Clinton. Er bringt in einem Statement seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck. "Ich habe Berichte über die Aussagen von Trump gesehen und als ich das Zitat gelesen habe, konnte ich es offen gesagt nicht glauben. Also habe ich mir das Video angeschaut und herausgefunden, dass es genauso abgedruckt wurde, wie er es gesagt hat."

Chris Murphy ist Senator des Bundesstaates Connecticut, wo beim Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 26 Menschen starben. Im Kampf um schärfere Waffengesetze hielt Murphy kürzlich eine 15-stündige Dauerrede (Filibuster) und warnt nach Trumps Auftritt: "Behandelt das nicht als politischen Fehltritt. Es ist die Androhung eines Attentats. Sie erhöht eindeutig die Wahrscheinlichkeit einer nationalen Tragödie und Krise."

Eric Swalwell, kalifornischer Demokrat und Mitglied des US-Repräsentantenhauses, wertet die Aussage von Trump als Drohung und fordert die Personenschützer des Secret Service auf, die Worte von Trump ernstzunehmen: "Donald Trump hat gerade vorgeschlagen, dass jemand Hillary Clinton umbringt. Wir müssen Menschen beim Wort nehmen", twittert er. (Der Secret Service äußert sich nur abstrakt und gibt bekannt, über die Aussage Bescheid zu wissen.)

Auch Erica Smegielski kritisiert Trump. Smegielski ist die Tochter einer Lehrerin, die während des Amoklaufs an der Grundschule in Newtown erschossen wurde. Sie tritt für eine Reform des Waffenrechts ein, unter anderem im laufenden Wahlkampf an der Seite von Hillary Clinton. Sie twitterte: "@realDonaldTrump, du glaubst, dass Waffengewalt ein Witz ist? Ich würde liebend gerne mit dir über das Leben meiner Mutter und ihre grausame ERMORDUNG reden."

Michael Hayden, der sowohl Direktor des Geheimdienstes CIA als auch der NSA war und Trump wiederholt kritisiert, nutzt auch diese Gelegenheit: "Du bist nicht nur verantwortlich dafür, was du sagst. Du bist auch verantwortlich dafür, was die Menschen hören."

So werden die Aussagen von Trump-Unterstützern gerechtfertigt

Mike Pence, der Vizepräsident an der Seite von Trump werden will, beschwert sich während einer Rede in Pittsburgh grundsätzlich über die Arbeit von Journalisten: "Jeden Tag steigen sie aus dem Bett und wollen Nachrichten produzieren. Donald Trump und ich werden Geschichte schreiben." Auf die Aussage von Trump angesprochen, sagt er einem Lokalsender: "Trump fordert die Menschen dieses Landes dazu auf, im Laufe dieser Wahl entsprechend ihren Überzeugungen zu handeln."

Die Waffenlobby NRA hat eine Serie von Tweets veröffentlicht, die den Republikaner-Kandidaten in Schutz nehmen. "@realDonaldTrump hat recht. Sollte Clinton ihre Richter ernennen, die gegen den zweiten Zusatz in der US-Verfassung sind (dort ist das Recht auf Waffenbesitz geregelt; Anm. d. Red.), gibt es nichts, was wir tun können. #NeverHillary." Doch am Tag der Wahl hätten die Anhänger Chance zum Handeln: Sie sollen wählen gehen. Die NRA teilt auch einen kurzes Video aus dem Wahlkampf 2008, als Joe Biden (nun Vizepräsident) seinen Kontrahenten Obama davor warnte, das Waffenrecht ändern zu wollen. "Wenn er an meine Beretta will, hat er ein Problem", sagte Biden damals. Ist das eine Drohung, fragt die NRA? Es ist eine rhetorische Frage. Die Medien sind einseitig, das ist der Vorwurf.

Katie Pavlich ist eine konservative Kolumnistin. Sie sagt, dass Trump selbst schuld sei, wenn er mit solchen Aussagen ernst genommen werde. Sie weist auf eine Aussage hin, die Trump im Laufe des Wahlkamps traf: "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren". Dennoch verteidigt Pavlich Trump nun inhaltlich: "Die Medien haben sich (erneut) komplett bloßgestellt in der Annahme, dass die Unterstützer des Second Amendment keine Wähler sind, sondern Attentäter."

Welche dieser Meinungen sich durchsetzt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Wahrscheinlich ist: Wer Trump zuvor gut fand, wird diese Aussage als undramatisch ansehen. Wer den Geschäftsmann als ungeeignet sieht, um in das Weiße Haus einzuziehen, fühlt sich mit Sicherheit bestätigt.