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Schwerpunkt: Games in der Pandemie:Im luftleeren Raum

Eignet sich die Umgebung eines Shooter-Spieles, um darin Konzerte abzuhalten? (Foto: Alper Özer)

Bekannte Musiker wie Travis Scott oder J Balvin treten dieses Jahr im Onlinespiel "Fortnite" auf. Über Konzerte, bei denen man durch Wurmlöcher taucht - und sich trotzdem wie im Autokino fühlt.

Von Moritz Fehrle

Frankensteins Monster steigt aus einem Kürbis empor und beginnt zu singen. Vor der virtuellen Leinwand, auf der das Monster jetzt zu den lateinamerikanischen Rhythmen die Arme kreisen lässt, hüpfen kleine Figuren auf und ab, vollführen Tanzeinlagen. So wie die Halloween-Performance des kolumbianischen Reggaetonkünstlers J Balvin sehen die größten Konzerterlebnisse im Jahr 2020 aus: bildgewaltig, bunt, durchchoreografiert - und sie finden auf der Videospielplattform Fortnite statt.

Die Konzertarena ist jener knallbunte Online-Shooter, in dem vor allem Kinder und Jugendliche darum kämpfen, welcher Spieler auf einer virtuellen Insel am längsten überlebt. Das passiert auch weiterhin. Auftritte wie der von J Balvin zeigen aber, dass die Ambitionen des hinter "Fortnite" stehenden Softwareunternehmens Epic Games größer sind. Doch, "Fortnite" sei ein Videospiel, beteuerte dessen Geschäftsführer Tim Sweeney im Dezember 2019. "Aber fragt mich in zwölf Monaten noch mal." Im Mai des Corona-Jahrs 2020 hat Epic Games nun den waffenfreien "Party Royale-Modus" gestartet. Im Zentrum dieser friedlichen Spielwelt steht eine Seebühne mit Leinwand, auf der die Konzerte von Popmusikern gezeigt werden. Der Trailer von Christopher Nolans Film "Tenet" feierte hier ebenfalls seine Premiere.

Auch der Auftritt von Travis Scott Ende April begann auf einer "Fortnite"-Bühne. Die wurde aber rasch pulverisiert, als der Rapper in einer Art Meteorit in der Spielwelt landete. Anders als J Balvin, dessen Performance aufgezeichnet wurde und mit virtuellen Elementen optisch an den "Fortnite"-Kosmos angepasst wurde, bewegte sich Scott überlebensgroß als 3-D-Figur durch die Spielwelt. Zusammen mit diesem Riesen-Scott stampften die Zuschauer während des etwa zehnminütigen Auftritts über die Karte, tauchten auch unter Wasser.

Die Show übertrifft jedes noch so minutiös durchchoreografierte Konzertereignis

Sie konnten das sogar als kleine Ausgaben ihres Idols tun. Für 1500 bis 2500 V-Bucks, der Währung des Spiels, konnten sie ihre Spielfigur so aussehen lassen wie Travis Scott. 1000 V-Bucks sind so viel wie zehn reale Euro. Das Spiel selbst ist kostenlos, aber mit solchen Käufen innerhalb der Spielwelt machte Epic Games im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro. Knapp 28 Millionen Menschen haben sich den Auftritt von Scott nach Angaben von Epic Games an verschiedenen Abenden angeguckt. So viele Spieler passen aus technischen Gründen aber nicht vor dieselbe Bühne. Sie werden für die Konzerte auf verschiedene, gleichartige virtuelle Räume verteilt. "Fortnite" bietet lediglich Platz für maximal hundert in einer solchen Spielumgebung.

Ohnehin liegt der Fokus bei den Konzerten auf dem, was auf der Bühne passiert. Das Event wurde vorab aufgezeichnet und gestaltet, ohne auf physikalische Gesetze oder Materialkosten Rücksicht nehmen zu müssen. Die Show übertrifft daher jedes noch so minutiös durchchoreografierte Konzertereignis. Am Ende des Auftritts tauchen die Zuschauer mit dem Rapper durch psychedelisch blitzende Wurmlöcher. Ansprachen ans Publikum - "Fortnite, are you ready?" - verpuffen aber in einem luftleeren Raum. Die Spieler können per Knopfdruck mit kleinen Bewegungen auf das Geschehen reagieren. Das war es dann aber auch schon mit den Interaktionsmöglichkeiten.

Der Blick auf die Leinwand, vor der die Köpfe der anderen Spielfiguren wippen, erinnert an ein Autokino. Die Aura des Konzertbesuches, das Gemeinschaftsgefühl, der Schweißgeruch, der Ellbogen des Nebenmannes in der Seite, wild Pogo tanzende Avatare? Fehlanzeige. Die Auftritte sind Corona-konform: gänzlich kontaktfrei.

© SZ/phbo/rjb
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