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Tiktok-Influencer:Woher kommt der Hype um Charli D'Amelio?

Prada Fall/Winter 2020/2021 Womenswear Fashion Show âÄ" Arrivals and Front Row

Die Neue aus dem Internet: Charli D'Amelio bei der Show des Labels Prada auf der Fashion Week von Mailand.

(Foto: Getty Images for Prada)

Die 16-Jährige wurde tanzend zum Megastar auf Tiktok mit 100 Millionen Followern. Warum? Das weiß nur der Algorithmus.

Von Philipp Bovermann

Kurz vor dem Ziel, als erste Influencerin überhaupt 100 Millionen Follower auf der sozialen Plattform Tiktok zu bekommen, schien Charli D'Amelio einen schrecklichen Fehler gemacht zu haben. Vergangene Woche lud die 16-Jährige ein Video vom Essen mit ihrer Familie hoch. Zu Gast war James Charles, ein berühmter Youtuber, es gab Paella. Mit komischen schwarzen Stückchen drin. Charlis Schwester Dixie, die es im Windschatten ihrer Schwester zu knapp 45 Millionen Followern gebracht hat, formte mit den Lippen die Worte "What is that?". Was das sei? Schnecken etwa? Ganz richtig, bestätigte der Privatkoch von der Seite. Traditionelle Rezeptur. Dixie übergab sich draußen vor dem Pool. Charli fragte seelenruhig, ob es nicht auch Chicken Nuggets gebe.

Der Vorfall, wenn man ihn denn so nennen möchte, müsste nicht dringend irgendjemanden interessieren. Wenn man es aber deutlich vor der Volljährigkeit geschafft hat, mit Tanzvideos in bauchfreien Tops zum weltweiten Megastar in seiner Altersgruppe zu werden, gelten andere Regeln. D'Amelio bekam eine Flut von Hasskommentaren. Wie gemein sie zu dem armen Koch gewesen sei. Sie postete, tränenüberströmt, ein Live-Video, in dem sie erklärte, das sei doch nur ein Witz gewesen - und nun bekomme sie Nachrichten von Menschen, die sie aufforderten, sich umzubringen. Rund eine Million Follower kostete sie die Bemerkung über die Chicken Nuggets. Dann kletterte die Zahl wieder. Nun ist es offiziell.

100 Millionen. Eine absolut irre Zahl. Zumal Charli D'Amelio ihr erstes Video auf Tiktok vor gerade erst eineinhalb Jahren gepostet hat.

Sie verstehe den Hype um sie selbst nicht, sagt D'Amelio

Sie war damals ein ziemlich normales Teenagermädchen aus einer Vorstadt an der US-amerikanischen Ostküste. Sie machte ihre Hausaufgaben, liebte Horrorfilme, ließ sich von ihrer Mutter zum Tanzunterricht fahren. In ihrem Zimmer hatte sie ein Foto von Jennifer Lopez hängen. Einmal mit "J.Lo" tanzen, das war ihr Traum. Ende März 2019 entdeckte sie Tiktok, eine App, die vor allem bei Teenagern beliebt ist. In vielen der mit dem Handy gefilmten Videos tanzen Teenager zu Popsongs, singen stumm mit oder machen Scherze, in der Hoffnung, damit viral zu gehen. Denn wenn man mit Tiktok viral geht, dann richtig.

Zunächst passierte nicht viel, Charli D'Amelios Videos bekamen jeweils nur ein paar Likes. Dann vibrierte plötzlich ihr Handy und hörte nicht mehr auf zu vibrieren. Als sie es nach dem Unterricht zur Hand nahm, waren es bereits 2000 Likes. Eines ihrer Tanzvideos hatte eingeschlagen. Warum, wusste sie nicht. Früher bekam man einen Anruf eines Plattenlabels, wenn man entdeckt worden war. Heute sind es die Algorithmen des chinesischen Datenkonzerns hinter Tiktok, die einer schwer zu ergründenden Logik folgend bestimmten Inhalten zu Aufmerksamkeit verhelfen. D'Amelio tat, was nötig war: Sie lieferte immer mehr, bis zu sieben neue Videos am Tag. Ihre Eltern engagierten ein Team aus Agenten, Anwälten und Managern, das Sponsoren und Werbeverträge an Land zog. Die Tochter tanzte und tanzte.

So lange, bis sie selbst ein Meme wurde, ein Gesprächsthema auf der Plattform. Das brachte ihr noch mehr Follower, noch mehr Reichweite. Die Nutzer diskutierten, warum ausgerechnet "Charli" so durch die Decke ging. Die eine, zufriedenstellende Antwort darauf gibt es wohl nicht. Sie tanzt gut, aber nicht herausragend. Ihr Gesicht tanzt gewissermaßen mit: Sie guckt böse, grinst, zieht Schnuten. Durchschnittlichkeit gepaart mit viel Ausdruck, damit können Teenager sich offenbar identifizieren. "Ich verstehe den Hype auch nicht", schrieb D'Amelio in ihr Profil.

Irgendwann kam natürlich der Anruf von "J.Lo". Sie lud D'Amelio ein, gemeinsam mit ihr ein Tiktok-Video aufzunehmen. Die 16-Jährige weinte, als sie Lopez sah. Dann riss sie sich zusammen. Und tanzte.

© SZ/jok
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