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Afrika:Lernen von den "großen Brüdern"

Gondo ist mit seinem Hochschuldiplom eine Ausnahme. Viel typischer für den "marché des téléphones" ist der Junge mit der Rasta-Frisur am Nachbarstand: Boubacar Diaware, 19 Jahre alt, ohne abgeschlossene Schulausbildung, beugt sich gerade über die Eingeweide eines aufgebrochenen Smartphones. Fixiert mit halb zugekniffenen Augen das Gewirr aus Drähten und Platinen. Gießt einen Tropfen Öl auf ein Tuch. Reibt damit den Schmutz weg. "Ein Defekt hat oft mechanische Ursachen", sagt Diaware, "dann musst du die Verbindungen prüfen ..." Er greift zum Lötkolben. Tippt mit der Spitze vorsichtig, ja fast zärtlich wie ein Akupunkteur, an verschiedene Punkte der Platine, als kenne er eine geheime Landkarte, der er folgen würde.

Nein, er habe keine Bücher darüber gelesen. Diaware lächelt verlegen. Er könne ja nicht mal lesen und schreiben. Aber sein Gedächtnis funktioniert offenbar gut. Bevor er anfing, Platinen zu reparieren, hat er monatelang den Handy-Flickern hier über die Schultern geschaut. "Grands frères" nennt er sie, große Brüder. "Alles, was ich kann, verdanke ich ihnen." Jetzt ist er selbst einer von ihnen. Zwei seiner Kumpels gucken Diaware bei der Arbeit zu, sie wollen später einmal dasselbe Gewerbe ausüben. "Die Arbeit ist angesehen - und du bleibst sauberer, als wenn du Mofas oder Fahrräder reparierst."

Der Handy-Hacker knackt fast jedes Telefon

Was aber tun, wenn ein Handy gesperrt ist? Man etwa ein Smartphone aus einem der Elektroschrott-Container aus Europa erworben hat, aber den Entsperrungs-Code nicht kennt? Dann ist Ibrahim Diallo der richtige Mann: Dessen Stand auf dem Telefonmarkt mutet fast schon wie High-tech an. Auf dem Blechtischchen vor ihm blinkt ein kleiner schwarzer Kasten, den er an seinen Laptop angeschlossen hat.

"Das Gerät kommt aus China", sagt der Mann, den hier die Aura eines Gelehrten umweht. "Damit bekomme ich fast jedes Handy geknackt." Er wisse oft selbst nicht, was greife, arbeite nach dem Prinzip "trial and error". Auf dem Computerbildschirm leuchten immer neue Textbandwürmer auf. Routiniert gibt Diallo Steuerbefehle ein. Klickt sich weiter. Noch mehr Buchstabenketten. Noch mehr Befehle. "Man braucht Zeit dafür", meint der Software-Spezialist, aber an Zeit herrscht in Mali kein Mangel.

Traore Cheikh Oumar bringt Tupac und Salif Keita auf die Smartphones

Und dann sind da noch Stände, die so nur in einem Land mit Millionen Smartphones, aber teuren und nur für wenige verfügbare Internet-Verbindungen existieren können. Stände wie der von Traore Cheikh Oumar. Der 23-Jährige trägt polierte Schuhe und ein sauber gebügeltes Hemd. Im Gegensatz zu all den Lötkolben-Mechanikern um ihn herum wirkt Oumar wie ein Büromensch - die Augen auf den Bildschirm seines Laptops gerichtet, einen Haufen Handys auf der Tischplatte daneben. "Ich verkaufe Musik", erklärt er. "Die Kunden nennen mir ihre Lieblingskünstler und sagen, wie viel Geld sie ausgeben wollen. Den Rest erledige ich". Der Rest: Das bedeutet für Oumar daheim, wo er einen Internet-Anschluss hat, die gewünschten Titel hochladen. 50 CFA, umgerechnet etwa acht Cent, berechne er pro Musiktitel. Seine Bestseller? Heimische Stars wie Salif Keita, Oumou Sangare oder DJ Arafat, ein französisch-arabischer Dancepop-Produzent. Auch Bob Marley und Tupac seien gefragt.

Ein Junge bringt einen Rucksack voller Smartphones an den Stand. Er hat sie in seinem Viertel eingesammelt. Morgen wird er wiederkommen und die reparierten und mit Musik aufgerüsteten Geräte zurück zu ihren Besitzern bringen. Auch er verdient indirekt an den Smartphones. Und wenn der Markt für Mobiltelefone weiter so wächst wie in den vergangenen zehn Jahren - laut einer Statistik des Online-Portals Africa-Business legt er auf dem Kontinent jährlich um 30 Prozent zu - dann wird das weitere Arbeitsplätze schaffen. Neben Tausenden Geschäften zum Kauf von Telefonguthaben leben auch die Händler auf dem "marché des téléphones" von dem Boom. "Wir haben hier jede Menge Jugendliche", sagt Boubacar Diaware, "die Schlange stehen, um bei uns in die Lehre zu gehen". Handy-Hacker: Das ist in Bamako ein Beruf mit glänzender Zukunft.

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