Smartphone Oneplus 6T Vom "Flaggschiff-Killer" zum Flaggschiff

Der Fingerabdrucksensor ist beim Oneplus 6T nicht mehr auf der Rückseite, sondern auf der Vorderseite ins Display integriert.

(Foto: REUTERS)
  • Das Oneplus 6T will fast das Gleiche können wie die 1000-Euro-Smartphones von Apple, Google und Samsung.
  • Für unter 600 Euro bietet das 6T ein gutes Gesamtpaket.
  • Der Preisunterschied macht sich nur bei der Kamera bemerkbar.
Von Simon Hurtz

Oneplus ist sanfter geworden. 2014 pries das chinesische Unternehmen sein erstes Smartphone aggressiv als "Flaggschiff-Killer" an. Das Versprechen: 300 Euro für ein Gerät, das mit den besten Handys mithalten kann. Vier Jahre später wären solche Kampagnen deplatziert: Das Oneplus 6T ist selbst ein Flaggschiff.

Die Einstiegsversion mit 6 GB Arbeitsspeicher und 128 GB internem Speicher kostet 550 Euro. Wer mehr benötigt (8 GB/256 GB), zahlt 630 Euro. Damit ist das 6T immer noch wesentlich günstiger als die teuersten Modelle von Apple, Google oder Samsung. Doch Smartphone-Preise sind insgesamt deutlich gestiegen. Dementsprechend fallen ein paar hundert Euro Differenz nicht mehr so auf wie vor einigen Jahren, auch wenn die absolute Ersparnis natürlich dieselbe bleibt.

Smartphone "Das Abhängigkeitsverhältnis vieler Menschen zu ihren Smartphones ist ein Problem"
Oneplus-Gründer Carl Pei

"Das Abhängigkeitsverhältnis vieler Menschen zu ihren Smartphones ist ein Problem"

Warnt kein Digitalskeptiker, sondern der Gründer des Smartphone-Herstellers Oneplus. Das sei kein Widerspruch, sagt Carl Pei und verrät, was sein Unternehmen von Apple lernen kann.   Interview von Simon Hurtz

Das erste was am 6T auffällt, ist, worauf Oneplus verzichtet hat. Vor allem der fehlende Klinkenanschluss ärgert viele hartgesottene Fans. Dem Großteil der normalen Nutzer dürfte das egal sein: Viele besitzen bereits drahtlose Bluetooth-Kopfhörer, der Rest verwendet den mitgelieferten Adapter.

Ebenfalls weggefallen ist der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite. Wer das 6T entsperren will, muss den Finger auf eine kleine Stelle am unteren Bildschirmrandlegen. Das ist praktisch, wenn das Smartphone auf dem Tisch liegt - wenn es denn funktioniert: Die Erkennungsrate des Testgeräts lag unter der des Vorgängers oder anderer Geräte mit klassischem Fingerabdrucksensor. Beim zweiten oder dritten Versuch klappte es meist, ganz ausgereift ist der Scanner nicht.

Wenig Notch, viel Display

Im Alltag ist das kein großes Problem, da man mehrere biometrische Authentifizierungsmethoden kombinieren kann. Das 6T lässt sich über die Frontkamera entsperren, die das Gesicht des Nutzers erkennt. Das klappt schnell und verlässlich, ist allerdings weniger sicher als der Fingerabdruck. Anders als Apple verbaut Oneplus keine Infrarotkamera, die 3D-Scans des Gesichts anfertigt. Dementsprechend lässt sich die Gesichtserkennung mit Masken überlisten, einigen Nutzern soll es auch schon mit ausgedruckten Fotos gelungen sein. Deshalb verlangt Oneplus für sicherheitsrelevante Funktionen wie etwa Bezahlvorgänge den Fingerabdruck.

Den oberen Bildschirmrand zerschneidet nun keine breite, schwarze Einkerbung mehr. Die sogenannte Notch ist klein und tropfenförmig, dementsprechend steht mehr Fläche für das Display zu Verfügung. Wichtiger als die Größe des Displays ist dessen Qualität. Hier hat Oneplus beim 6T fast alles richtig gemacht. Das Oled-Panel ist hell und scharf, hat gute Blinkwinkelstabilität und stellt Farben satt dar. Wer Wert auf hohe Farbtreue legt, sollte in den Einstellungen den sRGB- oder DCI-P3-Modus wählen. Im ersten Moment wirkt das Bild etwas blasser, tatsächlich entsprechen Fotos dann aber eher der Realität als in der knallbunten Standardeinstellung.

Die Kamera ist gut - aber nicht sehr gut

Bei der Kamera bleibt dagegen alles beim Alten. Im 6T stecken die gleichen Linsen und Objektive wie im Vorgänger, also eine Dualkamera mit 16 und 20 Megapixel hinten und eine Selfie-Kamera mit 20 Megapixel. Oneplus hat die Software überarbeitet und nach eigenen Angaben auf die Wünsche der Nutzer gehört. Die hätten sich vor allem Verbesserungen bei Porträts, Essensfotos und Nachtaufnahmen gewünscht. Tatsächlich holen die Algorithmen insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen noch etwas mehr auf den Bildern heraus.

Dennoch macht sich der Preisunterschied zu den 1000-Euro-Smartphones bemerkbar: Das 6T schießt gute Fotos - aber keine sehr guten. Hersteller wie Apple und Huawei verbauen überlegene Hardware, und was Machine Learning angeht, kann derzeit niemand mit Googles Software-Abteilung mithalten.

Auch der Mono-Lautsprecher kann nicht mit der Stereo-Beschallung der Konkurrent mithalten, das 6T ist immer noch nicht komplett wasserdicht (Spritzwasser ja, Tauchgänge nein) und lässt sich nicht drahtlos laden. Das verwundert, weil Oneplus auf der Rückseite Glas statt Aluminium verbaut, was eigentlich den Qi-Ladestandard ermöglicht. So liegt das 6T zwar gut in der Hand, ist aber äußerst anfällig für Sturzschäden. Um Glasbruch auf der Rückseite zu vermeiden, empfiehlt sich also eine Hülle. Immerhin verkauft Oneplus das Zubehör zu halbwegs erträglichen Preisen und verlangt nur rund 20 statt bis zu 50 Euro für das bisschen Silicon oder Stoff.

Android 9 ohne Verschlimmbesserungen

Ein großer Vorteil der Vorgänger ist erhalten geblieben: Das 6T kommt mit der aktuellen Android-Version 9 und soll mindestens zwei Jahre lang Funktionsupdates und drei Jahre lang Sicherheitsupdates erhalten. Die wenigen Veränderungen an der Oberfläche des Betriebssystems sind keine Verschlimmbesserungen, sondern sinnvolle Anpassungen. Dazu gehört etwa die optionale Gestensteuerung, die besser funktioniert als Googles Versuch, die intuitive Navigation der neuen iPhones nachzuahmen.

"Das Abhängigkeitsverhältnis, das viele Menschen zu ihren Smartphones haben, ist definitiv ein Problem", sagte Oneplus-Mitgründer Carl Pei der SZ im September. "Wir haben Ideen, wie wir sie dazu bringen können, Technik bewusster und dosierter zu nutzen." Dennoch fehlen die sogenannten Digital-Wellbeing-Funktionen, die Google auf seinen Pixel-Geräten anbietet. Damit lässt sich die eigene Smartphone-Nutzung überwachen und reglementieren, indem man Zeitlimits für bestimmte Apps festlegt.

Fazit

Das Oneplus 6T entwickelt den Vorgänger sinnvoll weiter. Die Fotos sind etwas hübscher, das Display etwas besser, und der Verzicht auf die Klinkenbuchse schafft Platz für einen größeren Akku, mit dem das Smartphone locker durch den Tag kommt. Der Fingerabdrucksensor im Display arbeitet noch nicht ganz so zuverlässig wie klassische Sensoren. Dafür funktioniert die Software tadellos. Apps starten schnell, kaum ein anderes Android-Gerät lässt sich so flüssig bedienen wie das 6T. Die größte Stärke von Oneplus bleibt das Preis-Leistungsverhältnis: Für unter 600 Euro gibt es derzeit kein besseres Gesamtpaket.

Grundsätzlich gilt aber. Die Unterschiede zwischen den Spitzen-Handys sind kleiner geworden. Die Vorjahresmodelle können fast dasselbe. Statt "Welches neue Smartphone brauche ich?" lautet die sinnvollere Frage: Brauche ich wirklich ein neues Smartphone?

Technologie Google will Antworten geben, bevor jemand Fragen stellt

Suchmaschine

Google will Antworten geben, bevor jemand Fragen stellt

Die wichtigste Webseite der Welt verändert sich radikal: bunt und lang statt schlicht und kompakt. Google wird Milliarden Menschen vorsetzen, was sie angeblich wollen - und zwar ob sie es wollen oder nicht.   Von Simon Hurtz