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NSA-Spionage:Google in der Glaubwürdigkeitsfalle

Hinter jedem Datensammler steht ein noch größerer Datensammler. Die NSA zapft offenbar Googles Glasfaserkabel an, und der Suchmaschinenkonzern gibt sich empört. Der Fall zeigt, wie unsicher Datensammeln als Geschäftsmodell ist.

Bei Google läuft alles zusammen. Die Suchmaschine ist für viele wichtigster Anlaufpunkt im Internet, der Maildienst Gmail ist mit den eigenen Dokumenten in Google Docs oder dem Netzwerk Google Plus verknüpft. Wegen seiner Marktmacht als Quasi-Infrastruktur im Netz und der Vielzahl verknüpfter Dienste misstrauten Nutzer und Aufsichtsbehörden dem Konzern schon lange - aus Angst, er könne seine Nutzer überwachen.

Nun weiß man: Beteuerungen, "nicht böse zu sein" (so Googles Motto), und Daten angemessen zu sichern, sind im digitalen Zeitalter nichts wert. Selbst Google kann nicht garantieren, nicht überwacht zu werden. Amerikanische Späher sollen Informationen abgegriffen haben - und Google soll es nicht einmal gemerkt haben.

Verständlich, dass das Unternehmen wütend auf die Nachricht reagiert, dass die NSA unverschlüsselte Mails von seinen Servern kopiert und nicht einmal fragt. "Wir sind empört, wie weit die Regierung zu gehen scheint, um Daten von unseren privaten Glasfaserkabeln abzugreifen", sagt Chefjustiziar David Drummond. "Wir gewähren keiner Regierung, die US-Regierung eingeschlossen, Zugang zu unseren Systemen."

Die Behörde habe Verbindungen von Rechenzentren angezapft, um so Daten von Hunderten Millionen Nutzerkonten abzugreifen, berichtet die Washington Post unter Berufung auf Dokumente des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Durch das Programm mit dem Codenamen "Muscular" seien über 181 Millionen Datensätze ausspioniert worden.

Rechenzentren in Irland und Finnland als Ziele

War bislang nur bekannt, dass die NSA über das Spähprogramm Prism per Gerichtsbeschluss an die Daten von Google kommt, kann der Geheimdienst nun offenbar auch direkt und ohne zu fragen die Kabel der Rechenzentren anzapfen. Da sich diese Rechenzentren unter anderem in Irland, Finnland oder Belgien befinden, muss die NSA keine rechtlichen Beschränkungen beachten. Für die USA wurden solche Anzapf-Aktionen durch den Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) für illegal erklärt. Wo genau die Daten allerdings angezapft werden, verraten die Dokumente nicht.

Das scharfe Statement von Google zeigt, wie sehr der Konzern um seinen Ruf fürchtet. Eigentlich könnte es dem Unternehmen egal sein, dass eine staatliche Stelle auf seine Server zugreift - deshalb verdient Google erst einmal keinen Cent weniger. Doch im Zuge der Snowden-Veröffentlichungen besteht die Gefahr, dass das Unternehmen sein höchstes Gut verliert: das Vertrauen der Nutzer - und damit die Grundlage für sein Milliardengeschäft. Die Haupteinnahmequelle für Google ist Werbung auf all seinen Internetdiensten sowie bezahlte Links bei Suchtreffern. Zusätzlich bringen der Online-Kiosk Play, Smartphone-Anwendungen und der Verkauf von Smartphones und Tabletcomputern Geld ein.

Bequem und hilflos

Google-Rechenzentren

Alles ist erleuchtet

Die harte Reaktion auf die neueste Enthüllung zeigt aber auch die Hilflosigkeit derer, die aus kommerziellen Motiven Nutzerdaten sammeln. Offenbar gelingt es dem Unternehmen trotz vermehrter Verschlüsselungsbemühungen nicht, Informationen von Nutzern gegen technisch versierte Dritte wie die NSA zu sichern.

Es geht um sehr viele Daten. Denn Google deckt mit seinen Angeboten einen großen Teil der Internetnutzung ab. Neben der Suchmaschine und Gmail gibt es den Kartendienst Maps, den Clouddienst Drive, den Google-Kalender, den Webbrowser Chrome und viele andere Programme.

Sie alle sind bequem für diejenigen, die die Google-Infrastruktur nutzen und sich rundum mit den meist kostenlosen Angeboten versorgen lassen wollen. Dass User für Dienste umfangreiche persönliche Profile erstellen und dem Konzern mit der Nutzung erlauben, Daten abzugreifen, hat die Begehrlichkeiten der Geheimdienste erst geweckt. Sie bekommen bei Google alles zusammen serviert. Ein angezapftes Glasfaserkabel und die Geheimdienste könnten Zugriff auf Teile des Mailverkehrs, Dokumente, Suchbegriffe erhalten - alles konzentriert in den Speichern einer Firma.

Millionen-Strafen

Mit seinen Daten geht Google nicht immer pfleglich um. Zwar betont das Unternehmen immer wieder, wie wichtig ihm Privatsphäre und die Sicherheit der Nutzer seien, aber es gibt Beispiele in der Vergangenheit, in denen Google eindeutig das Konzerninteresse vor die Privatsphäre und die Sicherheit der Nutzer gestellt hat. So musste der Internetkonzern im März 2013 wegen des illegalen Sammelns privater Daten sieben Millionen Dollar Strafe zahlen. Bei den Aufnahmen für seinen Kartendienst Street View hatte Google E-Mails, Internetadressen, Passwörter von Wlan-Nutzern gesammelt. 2012 wurde für das Unternehmen eine Strafe von 18,2 Millionen Euro fällig, weil Google den Datenschutz in Apples Safari-Browser ausgehebelt hatte.

Das Geschäftsmodell des Konzerns beruht auf dem Widerspruch, Daten zu Geld zu machen und gleichzeitig zu versprechen, gut auf die Daten aufzupassen. Das sollte nicht vergessen werden, wenn Google sich als einer der größten Kritiker der NSA-Spionage gibt und beispielsweise verlangt, umfangreiche Details über die Anfragen der Geheimdienste veröffentlichen zu dürfen.

© Süddeutsche.de/jab/bavo/kjan
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