bedeckt München 21°

Nachrichten in der Filterblase:Es gibt übrigens noch andere Meinungen

Raus aus der Blase: Apps wie Read Across the Aisle oder Plugins wie Politecho sollen helfen, Nachrichten bewusster zu konsumieren und sich auch mit abweichenden Meinungen zu befassen.

(Foto: Sergei Supinsky/AFP)
  • Echokammern, in denen sich Menschen nur noch mit der eigenen Meinung auseinandersetzen, gelten zunehmend als Problem.
  • Mehrere Apps sollen den Medienkonsum ihrer Nutzer überwachen und warnen, wenn er zu einseitig wird.
  • Bisher hinterfragen nur wenige Nutzer ihr Leseverhalten so kritisch.

Die zuverlässigste Wetter-App ist der Blick aus dem Fenster, und wer wissen will, was die Menschen umtreibt, der könnte sich einfach mit jemandem unterhalten. Aber wann redet man schon mal mit Fremden, die einen ganz anderen Blick auf die Welt haben als man selbst? Wenn man nicht gerade an der Käsetheke oder in der Meinungsforschung arbeitet: nicht besonders häufig. Das gilt für die analoge Welt genau wie für das Internet. Gleich und gleich gesellt sich eben gern, das ist nicht neu.

Spätestens seit dem Brexit und der US-Wahl im November gilt diese Art der Informationszufuhr aber als unzureichend: Zumindest ein Teil der Leute hatte das unangenehme Erlebnis, die Welt nicht mehr zu verstehen. Darum versuchen immer mehr Start-Ups, dem Problem mit technischen Hilfsmitteln beizukommen.

Datenschutz

So löschen Sie Ihren Facebook-Account

Das Schimpfwort dazu ist die "Filterblase", in der man vor allem mit Ansichten konfrontiert wird, die der eigenen Weltsicht weitgehend entsprechen. Die sozialen Netzwerke mit ihren durch Algorithmen bestimmten Nachrichtenströmen verstärken diesen Effekt - wenn auch in geringerem Maße als angenommen, wie das Fachblatt Science neulich nachwies: Entscheidend für die Nachrichtenzufuhr in der digitalen wie der analogen Welt ist vor allem, mit wem man vernetzt ist.

Menschen, sortiert nach Filterblasen

Für das Internet hat die Wissenschaft außerdem den Begriff der "Echokammer" entwickelt: Wenn an einem Ort alle laut die gleiche Meinung rufen, vergisst man leicht, dass an anderen Orten die Leute anders denken. "The Great Sorting", wie der damalige US-Präsident Barack Obama in seiner Abschiedsrede warnte - also die Einsortierung aller Menschen in ihre jeweiligen Filterblasen - sei eine Gefahr für die Demokratie. Und der US-Moderator John Oliver stellte fest: "Eine gesunde Medienzufuhr muss breiter sein."

Der 35-jährige Nick Lum glaubt, dass Hillary Clinton die Wahl hätte gewinnen können, wenn sie früher gemerkt hätte, welche Berichte bei Trumps Unterstützern kursierten und wie weit sich diese Meldungen verbreiteten. "Die Leute dachten, dass die Nachrichten, die sie lesen, eben die Nachrichten waren, und nicht nur eine Teilmenge der Nachrichten", sagt er. Seine App " Read Across the Aisle" soll das ändern.

Es ist wie bei den Programmen, die messen, ob man genug schläft oder genug Treppen steigt

Die Anwendung ordnet die wichtigsten Nachrichtenseiten der USA nach ihrer politischen Ausrichtung auf einem Farbspektrum an: von liberal und dunkelblau ( Huffington Post) bis konservativ und knallrot ( Fox News). Ein kleiner Balken zeigt an, ob der eigene Medienkonsum eher zu blau oder eher zu rot tendiert. Ist die Versorgung zu einseitig, schlägt die App Alarm: ganz ähnlich wie all die Programme, die ständig messen, ob man genug schläft und ausreichend Treppen steigt.

Ein großer Nachteil von Read Across the Aisle ist, dass das Programm nur registriert, was der Nutzer von der App aus ansteuert - aber zum Beispiel nicht, wenn er bei Facebook einen Artikel liest, den sein bester Freund ihm dort empfohlen hat.