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Mark Zuckerberg:Verquere Sicht auf den eigenen Konzern

Zuckerberg hält nur einen geringen Anteil an Aktien an Facebook, die sind aber Super-Papiere: Mit ihnen ist die Mehrheit der Stimmen verbunden. Er kann also allein entscheiden. Gefragt, ob diese Machtfülle nicht verhindere, dass er zur Verantwortung gezogen werde, antwortet er wie ein gutherziger Monarch: Nur so könne er ein Modell entwickeln, das die Wünsche der Facebook-"Gemeinschaft" widerspiegele - und nicht die der Aktionäre, die nur kurzfristigen Gewinn anstrebten.

Der König schützt seine Untertanen vor den kapitalistischen Raubtieren - eine verquere Sicht auf ein börsennotiertes Unternehmen, dessen Geschäftsmodell aus Datensammeln und Anzeigen-Targeting die derzeitige Krise erst verursacht hat. Ohne dieses wäre die unheilige Allianz aus zielgenau ausgespielter Werbung und radikalen politischen Inhalten nicht möglich. Er selbst hat dieses Modell auch im Sinne seiner Aktionäre immer weiter verfeinert. Der Fehler liegt im System, aber Zuckerberg sagt einfach, dass da kein Fehler ist. Es ist das System, das ihn reich gemacht hat.

Inszenierung als Widerstandskämpfer

Zuckerberg gibt im Vox-Interview nicht nur den Widerstandskämpfer gegen die eigenen Aktionäre, sondern auch gegen die eigene Anzeigenabteilung - also die Mitarbeiter, die das Geld reinbringen. Er versteigt sich zu der Aussage, dass Gewinn nicht das wichtigste Ziel sei. Zwar setze Facebook zurecht auf ein Anzeigenmodell, aber: "Das heißt nicht, dass wir nicht vor allem darauf fokussiert sind, Menschen zu dienen."

Es entsteht der Eindruck, dass ihm seine eigene Erzählung vom Bau der "offenen und vernetzten" Welt entglitten ist. Immer mehr Menschen zu vernetzen, immer weiter zu wachsen - diese Obsession triumphierte über ethische Bedenken. Das zeigte sich erst vor wenigen Tagen, als Buzzfeed über ein internes Facebook-Memo von 2016 berichtete: Der einflussreiche Facebook-Manager Andrew Bosworth gab darin zu, dass von der zunehmenden Vernetzung auch Mobber und Terroristen profitierten. Doch selbst wenn Menschen dabei sterben, sei der Weg der totalen Vernetzung der richtige.

Mark Zuckerberg hat viel Vertrauen verspielt. Nun sagt der Mann, der behauptet, sogar über dem globalen Kapitalismus zu stehen: Vertraut mir einfach trotzdem.

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