Künstliche Intelligenz Der künstlichen Intelligenz Grenzen setzen

Ein weiterer kritischer Punkt ist das Thema Privatsphäre. KI-Algorithmen können relativ gut Daten verknüpfen und Personen zuordnen. Diese Algorithmen und Technologien könnten Wegbereiter für mehr Überwachung durch Staaten oder Firmen sein. So sind in China bereits erste Modelle im Einsatz, die Menschen anhand ihres Online- und Offline-Verhaltens bewerten. Dieses "Scoring" wird für Entscheidungen über die Vergabe von Krediten, Ausreisegenehmigungen oder den Zugang zum Internet herangezogen. Der sprichwörtliche gläserne Mensch wird durch KI noch transparenter. Auch hier lautet die Antwort auf die Frage, ob wir eine solche Gesellschaft wollen: nein.

Was folgt daraus? Ich denke nicht, dass wir KI-Forschung verteufeln und darauf verzichten sollten. Im Gegenteil, ein großes Problem für Europa und Deutschland besteht darin, dass wir im Bereich der künstlichen Intelligenz ins Hintertreffen geraten sind - wie bei anderen Digitalisierungsthemen auch. Die Investitionen in KI-Start-ups sind überwiegend auf zwei Länder verteilt: 48 Prozent dieser Investitionen entfielen im vergangenen Jahr auf China, weitere 38 Prozent auf den langjährigen Spitzenreiter USA. Der Rest der Welt ist weit abgeschlagen. Für Deutschland, eigentlich die Heimat vieler herausragender KI-Forscher, reicht es selbst in Europa nicht zum Spitzenplatz. Den hat Großbritannien inne, wo Start-ups wie Darktrace und Graphcore inzwischen den sogenannten Unicorn-Status erreicht haben, also mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind.

Interdsiziplinäre Forschung soll uns auf das KI-Zeitalter vorbereiten

Insofern gehen die Schritte von Europäischer Union und Bundesregierung in die richtige Richtung, mit Investitionen diesen Rückstand aufzuholen. Allerdings dürfen wir dabei nicht die Augen vor gesellschaftlich relevanten Themen wie Transparenz und Privatsphäre verschließen. Vor diesem Hintergrund erscheint insbesondere die Förderung von interdisziplinären Forschungsprojekten wünschenswert. Nur solche fächerübergreifenden Programme sind in der Lage, die potenziellen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft umfassend zu analysieren und soziologisch, historisch oder philosophisch gewonnene Erkenntnisse in die technologischen Entwicklungen zu integrieren.

Darüber hinaus besteht eine wichtige praktische Aufgabe darin, mehr Bewusstsein für die aktuellen Herausforderungen der KI zu schaffen. In einer aktuellen Studie zur KI-Nutzung im Personalbereich zeigte sich, dass vielen Verantwortlichen nicht bewusst war, dass sie mit einer Black Box arbeiten, die aufgrund des Algorithmus oder der Trainingsdaten rassistische oder sexistische Entscheidungen treffen könnte. Den Entscheidern ging es primär darum, Kosten und Zeit einzusparen. Erfreulicherweise gibt es aber bereits Ansätze in der Forschung, die sich um Transparenz bemühen, damit die Entscheidungen der KI für die Menschen nachvollziehbar werden. Intensive Aufklärung könnte den Anstoß dazu geben, dass KI-Nutzer zukünftig auf transparente und faire Algorithmen setzen.

Eine große Zahl von Menschen ist mittlerweile bereit, für Fair-Trade-Produkte einen hohen Preis zu zahlen. Vielleicht lässt sich diese Erfolgsgeschichte auch auf KI-Algorithmen übertragen. Deren Fairness könnte für die Anbieter und für die europäische Wirtschaft insgesamt zu einem Wettbewerbsvorteil werden.

Digitalgipfel der Bundesregierung

Künstliche Intelligenz wird überschätzt

Die Superintelligenz wird uns nicht vernichten, teils funktionieren noch nicht einmal einfache KI-Produkte richtig. Dennoch darf Deutschland diese nächste Welle der Digitalisierung nicht verschlafen.   Essay von Helmut Martin-Jung