Junge Social-Media-Nutzer:Pakt mit dem Datenkraken

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Mit dem Internet haben sich die Prioritäten verschoben. Google, Apple und Facebook haben von Anfang an klargemacht, dass das Geschäft "Bequemlichkeit gegen Daten" lautet - und junge Menschen waren dazu bereit. Dass ein totalitärer Staat die Kontrolle übernehmen könnte, spielt in ihren Überlegungen keine Rolle mehr. Dennoch haben viele kurz nachgedacht, mit falschen Namen und anderen Browsern experimentiert. Doch der Pakt mit dem Datenkraken wurde unterschrieben. Das Kleingedruckte konnte nicht mehr schocken. Werbung, die auf einen zugeschnitten wurde? Es gibt Schlimmeres. Dann kamen die Smartphones mit Apps, die ihre User orten wollten. Ein kurzes Zucken, dann war auch das Häkchen gesetzt.

Wer noch jünger ist, hat diese Veränderungen nicht wahrgenommen. Das Internet war schon da, und es war gut so, wie es war. Das Gefühl für das, was privat ist und was öffentlich, hat sich verschoben. Anika und Karl Christian, 17 und 18 Jahre alt, Schüler an einem bayerischen Gymnasium, wollen nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. Zu viel Öffentlichkeit. Bei Facebook sind sie aber mit richtigem Namen angemeldet. Im Chat, der nicht für andere Mitglieder, wohl aber für Facebook und Geheimdienste einsehbar ist, schreiben sie "über alles". Die Vorstellung, dass sich ein Sachbearbeiter in einem Geheimdienstkeller durch ihre Chats klickt, finden sie lustig. "Viel Spaß damit", sagt Anika. Das Netzwerk erfülle ihre Bedürfnisse so gut, dass sie Nachteile hinnehme.

Für Jahn Bertsch, 32 Jahre alt, Softwareentwickler aus Köln, ist diese Haltung naiv. Seit er 2006 in einer Informatikvorlesung begriffen hat, wie leicht es ist, an Knotenpunkten alle Informationen, die durch das Netz geistern, auszuwerten, hat er "ein schlechtes Gefühl". Jetzt wissen alle, dass er recht hatte. Warum keiner reagiert? Verschlüsselte Mails zu verschicken, sei kompliziert, räumt Bertsch ein. Für Fachleute wie Bertsch ist die Lösung: abhörsichere Dienstleistungen vereinfachen. Seit Mai arbeitet er an einem SMS-Programm fürs Smartphone namens Newspeak. 2014 soll der abhörsichere Dienst verfügbar sein.

Der Trend geht nicht zur Verschlüsselung, er geht zu mehr Offenheit. Immer mehr Nutzer haben beschlossen, dass sie Datenschutz nicht länger wichtig finden. Menschen wie @KatiKuersch, die sich selbst als "gläsernen Menschen" bezeichnet. Bedenken, dass sich aus ihrem Twitter-Account Probleme bei der Jobsuche ergeben könnten, hat sie nicht. "Das zeigt doch nur, dass ich gut mit Social Media umgehen kann", sagt sie - auch wenn sie manchmal nach dem Aufwachen Tweets löscht.

Dass Fehler und Peinlichkeiten sichtbar werden, ist für sie kein Nachteil. "Ich bekomme regelmäßig E-Mails von Menschen, die mich um Rat bitten", sagt sie, ihr Account zeige, dass es vielen so geht wie ihr. Außerdem entscheide sie selbst, was sie online stelle und was nicht. Doch wenn sie mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist sie auch bereit, mehr von sich zu zeigen.

Je stärker das Internet im Alltag vorkommt, desto mehr Unperfektes und Langweiliges steht dort. Eine Netzvergangenheit hat fast jeder, täglich kommen Informationen dazu. Relevante Daten und Datenmüll stehen nebeneinander, wer will, erkennt den Unterschied. Amerikas Prominente nutzen dieses Prinzip schon lange: Party-Schnappschüsse twittern sie selbst - so ist auch der Kommentar in ihrer Hand.

Vielleicht geht es gerade darum: Die freizügigen Nutzer des Netzes wissen, dass sie nicht perfekt sein können, dass es ihnen jetzt, wo Internet und Alltag zusammengehören, nie gelingen wird, alles zu kontrollieren. Und dass sie daher die Vorstellung absurd finden, dass jemand anderes alles kontrolliert. Sie kontrolliert.

Das Netz-Ich als Kunstfigur

Natürlich gib es auch junge Leute, die den Schutz ihrer Daten wichtig finden. Einige tausend haben am vergangenen Wochenende protestiert. Oft sind es Menschen, die verstehen, wie das mit dem Abhören funktioniert. Informatiker wie Jahn Bertsch, die Piratenpartei, Bürgerrechtler, die seit der Volkszählung dabei sind.

Viele andere betrachten das Ich im Netz als Kunstfigur. Als Avatar, den sie geschaffen haben - für die Öffentlichkeit oder zumindest im Wissen, dass er öffentlich werden kann. Und anders als frühere Generationen, die das Ich als Gegenpol zur staatlichen Macht schützen wollten, halten nur noch wenige junge Menschen ihre Netzidentität für schützenswert. Zum Beispiel, weil sie wissen, dass vieles, was über sie dort steht, nicht ganz wahr ist. Auch @KatiKuersch erklärt sich so, warum ihr die Öffentlichkeit egal ist: "Kati Kürsch ist eine Figur, die anders ist als ich. Die grundsätzlichen Fakten stimmen. Aber nicht alles, was Kürsch twittert, habe ich erlebt."

Ob sie wirklich nackt auf dem Balkon lag, weiß auch der Datenkrake nicht.

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