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Junge Social-Media-Nutzer:"Liege nackt auf dem Balkon und esse Kekse"

Hallo Internet! Bilder, die @KatiKuersch auf Twitter gepostet hat

Die Geheimdienste lesen alles mit - Skandal! Das sieht nicht jeder so. Es gibt junge Menschen, die freiwillig auf Facebook und Twitter Intimes öffentlich machen. Fehlt denen Internetkompetenz? Nein.

An einem schönen Julifreitag hat @KatiKuersch bei ihrer extrem netten und wunderschönen Nachbarin ein Paket abgeholt, sich nackt und frustriert auf den Balkon gelegt und Kekse gegessen. Also teilte sie der Welt mit: "Die Nachbarin, die mein Paket angenommen hat, ist extrem nett und wunderschön. Liege jetzt nackt und frustriert aufm Balkon und esse Kekse." Vielleicht hat nicht die ganze Welt davon erfahren, aber auf jeden Fall 5583 Menschen, die @KatiKuersch auf Twitter folgen. Und jeder Mensch, den das interessiert, kann es nachlesen, auf ewig.

Seit ein paar Wochen beschäftigt die Deutschen nichts so sehr wie die Tatsache, dass Staaten mitlesen und mithören, wenn wir über Facebook, Skype und WhatsApp kommunizieren. Der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat enthüllt, dass Datenschutz im Netz kaum möglich ist. Dass Informationen vor Gericht oder bei der Einreise in andere Länder verhängnisvoll werden können. Dass private E-Mails, Chatprotokolle, Fotos mitgeschnitten werden - egal, welche Privatsphäre-Einstellungen man angeklickt hat.

Das also beschäftigt die Deutschen, zumindest ist das der Eindruck, der in den Medien entsteht. Die Wahrheit ist, dass es eine Generation gibt, der die Sache mit dem Datenschutz ziemlich egal ist. Wer in den Neunzigerjahren oder später aufgewachsen ist, kommuniziert viel über Facebook und WhatsApp. Dass Geheimdienste mitlesen, wurde registriert. Mehr nicht.

"Nicht halb so sexbesessen, wie man bei Twitter denken könnte"

@KatiKuersch ist 22 Jahre alt, sie studiert Geschichte und Politikwissenschaft in München. Ihr richtiger Name lässt sich mit ein paar Klicks finden. Sie sagt: "In Wirklichkeit bin ich ein total schüchterner Mensch mit wenig Selbstwertgefühl." Und: "Nicht halb so sexbesessen, wie man bei Twitter denken könnte." Dort berichtet sie täglich in etwa 20 Kurznachrichten aus ihrem Leben, häufig geht es um Sex. Nutzern wie @KatiKuersch werfen Innen- und Justizminister Naivität vor. Sie sollen nicht alles, was sie bewegt, ins Netz stellen. Unterrichtseinheiten zur Internetkompetenz sollen das Problem beheben.

Ein Missverständnis: Junge Menschen wissen, was wo gespeichert wird. Sie haben sich bewusst entschieden, ihre Daten hochzuladen. An Netzkompetenz mangelt es ihnen nicht. Sie haben nur ein anderes Verständnis von Privatsphäre.

In der vergangenen Woche hat Andreas Stoch, 43 Jahre alt, SPD-Kultusminister in Baden-Württemberg, seinen Lehrern nahegelegt, Schüler nicht über Facebook mit dienstlichen Informationen zu versorgen. Manch einer fand das vorgestrig. Stoch aber warnte, Facebook-Server stehen nicht im europäischen Wirtschaftsraum, wo "unsere Datenschutzstandards gelten". Deshalb glaube er, "dass es richtig ist, hier besonders vorsichtig zu sein".

Neue Regeln in Baden-Württemberg

Kultusministerium verbietet Lehrern, soziale Netzwerke dienstlich zu nutzen

Viele Jugendliche sind fast 24 Stunden lang über Twitter und Facebook erreichbar. Baden-Württemberg hat nun neue Regeln für den Gebrauch sozialer Netzwerke erlassen: Lehrer dürfen sie dienstlich nicht nutzen. Aus Datenschutzgründen, wie es heißt.

Vorsichtig mit seinen Daten zu sein, diese Haltung war in Deutschland lange Zeit selbstverständlich. Wer erwachsen war, als das Internet aufkam, für den waren Daten heilig: Sie waren die Fakten, die das Ich zusammensetzten. Und sie waren die Masse, mit denen totalitäre Staaten hantierten, eine reale Bedrohung in Jahren, in denen das Land geteilt war, in denen die Stasi Bürger ausspionierte. Der Volkszählung 1987 in der Bundesrepublik gingen jahrelange Proteste voraus. Dass der Staat zu fragen wagte, wie viele Personen in einem Haushalt leben - ungeheuerlich.