IT in Israel Wo die Militär-Geheimdienst-Start-up-Szene boomt

Israelische Soldaten bei einem Gesichtserkennungs-Test. Die israelische Armee ist bekannt für ihre Cyberfähigkeiten. Viele Ex-Soldaten gründen später IT-Sicherheitsfirmen.

(Foto: Amir Cohen/REUTERS)
  • Eigentlich agieren sie im Hintergrund, im Geheimen, doch derzeit produzieren zwei israelische Cyber-Firmen Schlagzeilen: NSO und Archimedes.
  • NSOs Spähsoftware soll für einen Angriff auf Whatsapp-Nutzer verantwortlich sein, Archimedes Wahlkämpfe in Afrika beeinflusst haben.
  • Die beiden Firmen sind Beispiele für die umtriebige IT-Branche in Israel. Viele Unternehmen werden von ehemaligen Cyber-Soldaten gegründet.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Das israelische Unternehmen NSO produziert Technologien für Spionage und verkauft Software an Geheimdienste und Sicherheitsbehörden. "Zum Zweck der Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität", wie das Unternehmen versichert. Außerdem verkaufe man Technologie nur an offizielle Stellen. Aber es handelt sich nicht nur um schlichte Software. Sogar die israelische Regierung stuft die von NSO entwickelte Technologie als Waffe ein. Für jeden Verkauf ist deshalb eine Genehmigung des Verteidigungsministeriums erforderlich.

Zum ersten Mal berichteten internationale Medien Ende vergangenen Jahres ausführlicher über NSO. Nach der Ermordung des saudischen Dissidenten Jamal Kashoggi in der Türkei wurde bekannt, dass Saudis mit Hilfe der NSO-Software Pegasus sein Handy ausspioniert hatten. 55 Millionen Dollar haben die Saudis für diese Technologie bezahlt. Die Software soll das Mikrofon und die Kamera eines Telefons aktivieren, Standortdaten sammeln sowie E-Mails und Kurzmitteilungen durchsuchen können.

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Menschenrechtsgruppen warfen dem israelischen Unternehmen vor, dass durch seine Technologie auch Privatpersonen in Mexiko und den Vereinigten Arabischen Staaten ausspioniert wurden. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde NSO in den vergangenen Tagen, weil die von ihr entwickelte Software Pegasus eine Sicherheitslücke beim Nachrichtendienst Whatsapp ausnutze. Durch diese Sicherheitslücke sei es möglich gewesen, eine Überwachungssoftware auf die betroffenen Smartphones zu installieren, ohne dass es Nutzer bemerkt hätten, erklärte Whatsapp. Die rund 1,5 Milliarden Nutzer wurden zu einem Update der Chat-App aufgefordert.

Hinter dem Kürzel NSO stecken die Anfangsbuchstaben der Vornamen der drei Gründer Niv Carmi, Shalev Hulio und Omri Lavie. Die Firma ist nicht ganz so öffentlichkeitsscheu wie andere Cybersecurity-Unternehmen, von denen oft nicht einmal der Firmensitz, geschweige denn Kennzahlen bekannt sind. In den vergangenen Jahren vertrat Co-Präsidentin Tami Mazal Shachar die Firma bei Techkonferenzen auf Podien und versicherte stets, die Software würde nach bestem Wissen und Gewissen nur zur Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus eingesetzt. Diese Woche trat sie zurück. Eine offizielle Begründung für ihren Schritt gab es nicht.

Auch im Angebot: Wahlbeeinflussung

Überhaupt abgetaucht sind die Verantwortlichen der israelischen Firma Archimedes Group, nachdem Facebook am 16. Mai bekannt gegeben hatte, dass 265 zur Firmengruppe gehörende Facebook- und Instagram-Accounts geschlossen wurden. Facebook erklärte, das Unternehmen mit Sitz in Tel Aviv werde wegen "unglaubwürdigen Verhaltens" von allen Plattformen verbannt. Das US-Unternehmen reagierte damit auf Erkenntnisse, dass Archimedes gezielt versucht habe, Falschinformationen in Malaysia, Kongo, Togo und Tunesien zu verbreiten. In den Wahlkampf in Nigeria soll sich Archimedes direkt eingemischt haben. Über den größten Rivalen von Präsident Muhammadu Buhari, Atiku Abubakar, wurden auf sozialen Medien bewusst Falschinformationen verbreitet.

Nach der Facebook-Entscheidung wurde die Homepage umgestaltet. Davor warb Archimedes für sich mit den Worten, man habe "entscheidende Rollen in vielen politischen Kampagnen gespielt, darunter in Präsidentschaftswahlkämpfen und bei anderen Projekten im Bereich soziale Medien". Dazu das Versprechen: Achimedes könne "Realitäten gemäß dem Wunsch der Kunden verändern".

Israelische Medien machten sich nach dem Facebook-Bann vergeblich auf die Suche nach Firmenchef Elinadav Heymann, der auch als Direktor der Lobbyistenorganisation European Friends of Israel in Brüssel firmiert. In seinem Lebenslauf heißt es, er sei auch "Senior Intelligence Officer" der israelischen Luftwaffe gewesen. Die enge Vernetzung von Militär, Geheimdienst und der hiesigen Start-up-Szene ist der Grund dafür, warum in Israel im Cybersecurity-Bereich so viele Firmen aktiv sind. Etwa ein Drittel der in Israel ansässigen rund 6000 Start-ups beschäftigen sich mit diesem Thema, 2018 kamen 60 dazu.

Israelische Armee als Nährboden für Cyber-Firmen

Viele Firmengründer haben bei der Eliteeinheit 8200 der israelischen Armee ihren dreijährigen Wehrdienst abgeleistet. Diese Einheit, die nach Angaben ehemaliger Angehöriger potenzielle Terroristen, aber auch palästinensische Zivilisten ausspioniert haben sowie hinter dem Computerwurm Stuxnet stecken soll, ist legendär und so geheim, dass das Militär keinen Zugang für Journalisten organisieren will. Aber zu Ofek, der IT-Einheit der Luftwaffe, wird man vorgelassen. Sie hat ihren Sitz im Militärhauptquartier Kirya in Tel Aviv. Zwar gibt es keine Antwort auf die Frage, wie viele dort arbeiten, aber Tätigkeitsbereiche werden beschrieben: So wird die IT-Infrastruktur bereitgestellt und auch Software entwickelt - häufig gemeinsam mit der Industrie und Universitäten. Die Abwehr von Cyberattacken ist ein großes Thema für die israelischen Streitkräfte. In den Tech-Einheiten beim Militär lernen junge Israelis unter anderem, wie sie feindliche Computersysteme hacken, ausspionieren und manipulieren können.

Diese Fähigkeiten kommen ihnen nach Beendigung ihres mindestens zweijährigen Militärdienstes zugute. Das kann man so oder so nutzen: Der Großteil der israelischen Cybersecurity-Firmen beschäftigt sich damit, Attacken und Spähangriffe abzuwehren. Einige Firmen stehen aber auf der anderen Seite - und nun im Rampenlicht.

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