Chatbots:Politische Bots sind nicht schuld am Brexit

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"Die Bot-Aktivität rund um Wahltermine und Referenden ist besonders hoch", sagt Kollanyi, der zur Rolle von Technologie in politischen Umbruchphasen forscht. Den größten Einfluss hätten Bots vor allem dort, wo ein großer Wählerkreis den "Mainstream-Medien" misstraue, so Kollanyi. "Im Fall des Brexit-Referendums wählten viele Menschen bewusst gegen das Establishment" - zu dem sie eben auch die klassischen Medien zählen. Daher spielten hier soziale Medien eine größere Rolle bei der politischen Meinungsbildung.

Das größte Risiko liege darum in der Transparenz, sagt Kollanyi. Die Bots geben sich ja nicht als solche zu erkennen. Für den durchschnittlichen Twitter-Nutzer ist es daher kaum möglich, zu unterscheiden, ob Nachrichten von einem Menschen oder von Computerprogrammen generiert wurden. Es gibt zwar Websites, auf denen man verdächtige Accounts prüfen lassen kann. Aber dafür muss man sich des Phänomens ja bereits bewusst sein.

Keine Programmierkenntnisse nötig

Hinzu kommt: Selbst wenn man weiß, dass man es mit einem Bot zu tun hat, ist nicht klar, wer ihn programmiert hat. "Verglichen mit älteren Formen der Propaganda, die sich auf die traditionellen Medien konzentrierten, benötigt man für Bots viel weniger Ressourcen. Die Kosten sind niedrig. Man braucht keine Kontrolle über Radio- oder Fernsehfrequenzen", sagt Kollanyi. Außerdem sind die Codes im Internet leicht zu finden: "Jeder mit einem Minimum an Programmierkenntnissen kann einen Bot schreiben und nutzen."

Experten aus Wissenschaft und Politik denken daher darüber nach, wie sich der Einfluss dieser Propaganda eindämmen ließe. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht die Forderung an Twitter, Bot-Accounts konsequent zu löschen. Doch zu glauben, dass damit die Zustimmung zu populistischen Parteien gesenkt werden könne, ist zu kurz gegriffen. Politische Meinungsbildung lässt sich nicht auf einfache Ursache-Wirkung-Operationen herunterbrechen.

Auch eine Flut an Ausstiegs-Tweets dürfte einen überzeugten Demokraten und Europäer nicht zum Brexit-Befürworter machen. Bots sind nicht fähig zu Rede und Gegenrede, sie machen keine konstruktiven Vorschläge, die der Komplexität politischer Realität gerecht werden. Sie argumentieren nicht. Viele teilen einfach die Nachrichten, die andere Nutzer zuvor gepostet haben. So vergrößern sie die Reichweite der Botschaften und erwecken den Anschein einer breiten Zustimmung. Oft verstärken sie also die sogenannten Filterblasen in den sozialen Medien - jenes Phänomen, dass Facebook und Twitter ihren Nutzern bevorzugt solche Inhalte zeigen, die mit deren eigenen Ansichten zu korrelieren scheinen.

Bots sind nicht Ursache, sondern nur Symptom der Unzufriedenheit

Politische Bots sind daher dort gefährlich, wo eine bestimmte Meinung und eine bestimmte argumentative Grundstruktur bereits vorhanden sind. Sie steigern dort die Zustimmung zu populistischen Thesen, wo diese ohnehin attraktiv sind. Aber sie krempeln nicht um. Es waren nicht Bots, die die EU verlassen wollten, sondern unzufriedene Menschen.

Politische Bots sind also ein Symptom und nicht die Ursache für eine tief sitzenden Unzufriedenheit, die wachsende Bevölkerungsteile anfällig macht für einfache Antworten, die inzwischen schon automatisiert von Computern hervorgebracht werden können. Die neuen Formen der Propaganda sind also vor allem eins: ein neuer Schauplatz, an dem jene alten Fragen wieder aufblitzen, die wir als Gesellschaft ohnehin beantworten müssen.

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