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Google-Betriebssystem:Das kann das neue Android 10

Google-Betriebssystem Android

Wenn es nach Google geht, ist seine Zeit um: Das Maskottchen des Android-Betriebssystems "Pie" auf dem Google-Firmengelände im kalifornsichen Mountain View. Die neue Variante heißt Android 10.

(Foto: Andrej Sokolow/dpa)
  • Googles neue Android-Version ist da. Sie heißt nicht mehr nach einer Süßigkeit wie ihre Vorgänger, sondern einfach Android 10.
  • Die Änderungen fallen auf den ersten Blick kaum auf. Google hat vor allem Sicherheit und Datenschutz verbessert.
  • Das alte Android-Problem bleibt bestehen: Nur wenige Geräte erhalten das Update sofort, viele Nutzer müssen warten.

Zum zehnten Mal veröffentlicht Google eine neue Hauptversion seines Betriebssystems - und zum ersten Mal verzichtet der Konzern dabei auf Spielereien mit dem Namen. Von Cupcake über Ice Cream Sandwich bis Pie reichte das Alphabet der Süßigkeiten, nach denen frühere Versionen benannt wurden. Monatelang rätselten Android-Fans, was sich Google für die Version Q würde einfallen lassen. Die Antwort: nichts. Android Q heißt Android 10.

Dafür mag es praktische Gründe geben: Die Auswahl an Desserts mit dem Anfangsbuchstaben Q ist begrenzt, zumal der Name auf der ganzen Welt bekannt sein soll. Einige asiatische Sprachen unterscheiden nicht zwischen L und R. Das führte bereits bei Lollipop zu Verwechslungen, bei der elften Version wäre das Problem erneut aufgetreten.

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Die neue Sachlichkeit steht für noch mehr: Android ist endgültig erwachsen geworden. Bei vergangenen Updates spendierte Google eine Fülle neuer Funktionen oder schraubte am Design. Diesmal ändert sich auf den ersten Blick nur wenig, die wichtigsten Neuerungen stecken unter der Haube.

Datenschutz und Sicherheit

Verglichen mit iOS ist Android ein offenes Betriebssystem. Nutzer können es relativ frei anpassen, Entwickler können für ihre Apps auf mehr Schnittstellen zugreifen als beim Konkurrenten Apple. Das birgt Gefahren: In den vergangenen Jahren schleusten kriminelle Entwickler immer wieder Apps in Googles Play Store ein, die auf illegale Weise Nutzerdaten sammelten, heimlich Werbebanner anklickten, Pornoseiten aufriefen oder Schadsoftware installierten.

Deshalb konzentriert sich Google bei Android 10 auf Datenschutz und Sicherheit. Die Berechtigungen von Apps werden deutlich eingeschränkt. Nutzer können Apps etwa verbieten, im Hintergrund den Standort auszulesen. Geräteinformationen und Seriennummern, die Nutzer eindeutig identifizieren, werden besser geschützt. Apps dürfen nur noch auf bestimmte Dateien in isolierten Verzeichnissen zugreifen und können nicht mehr alles sehen, was auf dem Gerät gespeichert ist.

Außerdem verbessert Google die Verschlüsselung. Das betrifft sowohl das Dateisystem als auch die Netzwerkverbindungen. Von all diesen Veränderungen bekommt der Nutzer nur wenig mit. Von ein paar Berechtigungs-Dialogen abgesehen fühlt sich Android genauso an wie bisher. Dennoch sind die Veränderungen ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung: Bei einem Betriebssystem, das auf mehr als 2,5 Milliarden Geräten läuft, muss Sicherheit oberste Priorität haben.

Gestensteuerung

Im März veröffentlichte Google die erste Test-Version von Android 10. Es folgten fünf weitere Betas, die zunehmend alltagstauglicher und stabiler wurden. Doch eine Funktion ist immer noch nicht ausgereift: In der Theorie überzeugt Googles Idee, das Smartphone mit Gesten zu bedienen. In der Praxis wischt es sich längst nicht so reibungslos, wie das nach einem halben Jahr Testen der Fall sein sollte.

Der Vorteil ist offensichtlich: Die Gestenteuerung schafft mehr Platz auf dem Bildschirm. Bislang begrenzen die drei Schaltflächen am unteren Rand des Displays die Fläche, die für Apps zu Verfügung steht. Statt zu tippen, sollen Nutzer künftig horizontal und vertikal wischen. Ein Teil der Gesten geht schnell ins motorische Gedächtnis über, doch die Zurück-Geste macht Google immer noch zu schaffen. Ein Wisch vom linken Bildschirmrand nach innen navigiert zurück, dieselbe Bewegung öffnet in vielen Apps aber auch eine Seitenleiste. Das führt oft zu ungewollten Aktionen des Handys.

Hunderte Millionen Android-Nutzer verwenden Apps wie den Nova Launcher, mit denen sich der Startbildschirm und die Übersicht der installierten Programme individuell anpassen lassen. Leider funktionieren die Wischgesten bislang nur sehr eingeschränkt mit den Launchern von Drittentwicklern. Google hat versprochen, künftig die notwendigen Schnittstellen freizugeben. Wer sich bis dahin nicht mit der holprigen Umsetzung herumschlagen will, kann die Gestensteuerung deaktivieren.

Dark-Mode

Den " besten Akkuspar-Tipp, den kaum jemand kennt" nannte die SZ den Dark-Mode im vergangenen November. Auf Geräten mit Oled-Displays verbrauchen dunkle Hintergründe deutlich weniger Strom, da die schwarzen Pixel nicht beleuchtet werden müssen. Zahlreiche Entwickler bieten Nutzern deshalb einen Nachtmodus an, darunter auch Google-Apps wie Youtube. Nur das Betriebssystem selbst erstrahlte bislang in hellem, akkuzehrendem Weiß.

Android 10 führt endlich einen systemweiten Dark-Mode ein. Der dunkelt nicht nur die Oberflächen des Betriebssystems ab, sondern aktiviert den Nachtmodus auch in allen kompatiblen Apps. Entwickler können über eine Schnittstelle auslesen, welche Darstellung Nutzer gewählt haben und ihr Programm automatisch anpassen. Erfahrungsgemäß wird es eine Zeit dauern, bis die meisten großen Apps die Funktion unterstützen.

Benachrichtigungen

Wie bei jeder Android-Version schraubt Google auch diesmal an den Benachrichtigungen. Nutzer können neue Nachrichten von Messengern direkt beantworten, ohne die App öffnen zu müssen. Auch Links lassen sich unmittelbar aus der Benachrichtigung heraus aufrufen. Wer genervt ist von zu viel Push-Nachrichten, kann in den Fokus-Modus wechseln. Damit lassen sich bestimmte Apps vorübergehend komplett sperren. Das Icon wird grau, die Apps schicken keine Benachrichtigungen mehr und lassen sich nicht öffnen.

In den vergangenen Jahren hat der sogenannte Techlash das Silicon Valley erschüttert: Ehemalige Entwickler und Designer hinterfragen ihre eigenen Schöpfungen und fordern Tech-Konzerne auf, gewissenhafter mit der Aufmerksamkeit ihrer Nutzer umzugehen. Viele Menschen fürchten, dass Smartphone-Apps süchtig machen, und hinterfragen ihr Verhältnis zu digitaler Technik. Diesem Trend wollen Google und Apple entgegensteuern, indem sie Nutzern mehr Kontrollmöglichkeiten geben.

Teilen-Menü

Jeder Android-Nutzer kennt es, fast jeder hasst es: das unfassbar träge Menü, das erscheint, wenn man Inhalte teilen will. Erst öffnet sich eine Auswahl von Apps, kurz darauf verschiebt sich der Bildschirminhalt, weil Android weitere Programme nachlädt. Das führt regelmäßig zu Vertippern, weil die App, die man auswählen wollte, plötzlich an einer anderen Stelle ist. Das Teilen-Menü von Android 10 ist immer noch nicht so schnell, wie es bei so einer zentralen Funktion wünschenswert wäre. Aber die Verbesserung ist deutlich spürbar.

Die entscheidende Frage

Mit Android 10 macht Googles vieles richtig. Wer ein Update auf die neue Version angeboten bekommt, kann sich freuen. Genau das ist und bleibt aber das größte Problem von Android: Bloß ein Bruchteil der Nutzer wird in absehbarer Zeit auf Android 10 aktualisieren können. Nur wenige Unternehmen wie Nokia, Samsung und Oneplus bieten halbwegs zeitnahe Updates an. Andere Hersteller brauchen teils Jahre, bis sie neue Android-Versionen an den Start bringen - wenn sie es überhaupt tun.

Die Situation ist nicht mehr ganz so katastrophal wie noch vor einigen Jahren. Damals waren aktuelle Android-Versionen nahezu exklusiv für Googles eigene Smartphones. Wer kein Nexus- oder Pixel-Gerät besaß, musste sogar auf dringende Sicherheitsupdates monatelang warten. Mit einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktik hat Google den Druck auf Hersteller erhöht und gleichzeitig viel dafür getan, ihnen Arbeit abzunehmen. Android ist mittlerweile deutlich modularer aufgebaut, sodass sich Aktualisierungen einfacher für die eigenen Geräte anpassen lassen.

Dennoch bleibt die Android-Landschaft ein Durcheinander aus Dutzenden Versionen und Hunderten Herstellern, die das Betriebssystem für Zehntausende unterschiedliche Smartphones einzeln anpassen. Während die aktuelle iOS-Version 12 auf 90 Prozent aller iPhones und iPads läuft, schafft es Google derzeit nicht einmal, eine entsprechende Übersicht für Android anzubieten.