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Games-Rückblick April:Einfach mal die Freiheitsstatue klauen

In "Tropico 6" kann der Spieler ganze Denkmäler entführen lassen, in "Anno 1800" die eigene Bevölkerung ausbeuten. Der provinzielle Mief in "Trüberbrook" bringt ihm den Deutschen Computerspielpreis ein. Das waren die wichtigsten Games im April.

Von Caspar von Au und Nicolas Freund

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Trüberbrook

Trüberbrook screenshot

Quelle: PR / bildundtonfabrik

Der junge amerikanische Physiker Hans Tannhauser hat bei einem Preisausschreiben eine Reise gewonnen, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, teilgenommen zu haben. Dennoch fährt er in den Luftkurort Trüberbrook in Deutschland, wo er auf die seltsame Herbergsmutter Trude und einige Rätsel stößt. Und gleich am ersten Abend wird in sein Zimmer eingebrochen.

Das Point-and-Click-Adventure "Trüberbrook" wirft den Spieler in eine mysteriöse Welt im Jahr 1967. Es macht Spaß, die vor provinziellen Mief strotzenden Nebensächlichkeiten in dem Örtchen zu erkunden: Am Buffet im Hotel gibt es leicht gammlige Käsespieße, auf dem Marktplatz thront eine Ritterrüstung. Oft genug sind diese Nebensächlichkeiten Teil der Lösung der Rätsel oder geben den entscheidenden Hinweis. Die Entwickler haben die Kulissen für ihr Spiel in der Werkstatt gebaut, inszeniert und erst anschließend digitalisiert. Völlig zurecht wurde Trüberbrook Anfang April mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet.

Link-Tipp:

Unter diesem Link finden Sie unsere Übersicht zu den Gewinnern des Deutschen Computerspielpreises 2019.

Trüberbrook ist für Mac, PC, Playstation 4, Xbox One und Nintendo Switch erhältlich.

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Days Gone

Screenshot Days Gone

Quelle: PR / Sony Interactive Entertainment

Es gibt keine Zombies in "Days Gone" - und doch Millionen von ihnen. Denn wie sonst soll man die Kreaturen nennen, die vom leisesten Geräusch aufgeschreckt mit leeren Blicken Jagd auf den Protagonisten Deacon und seinen Kumpel Boozer machen?

Die Figuren im Action-Adventure Days Gone werden nicht müde zu betonen, dass es sich bei den geifernden Kreaturen um "Freakers" handelt. Eine Pandemie, welche die Menschheit befallen hat und sie zu willenlosen Kannibalen werden lässt; eine zwielichtige Regierungsorganisation; ein Held, der seine Freundin sucht; und eine offene Welt, in der der Spieler Waffen, Heilkräuter und Munition findet - das alles gab es in Computerspielen und Fernsehserien bereits in x Varianten. Um ein interessantes Spiel zu werden, müsste Days Gone mehr leisten, als diese altbekannten Schemata unter neuen Namen zu verkaufen. Die Hauptfiguren stammen alle aus dem Rocker-Milieu - das hätte eine frische Idee sein können, aber die Figuren bleiben zumindest in den ersten Spielstunden farblos.

"Days Gone" ist für Playstation 4 erhältlich.

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Katana Zero

screenshot katana zero

Quelle: PR / Devolver Digtal

Wachmann eins und zwei zerteilt der Samurai mit seinem Katana ohne Probleme, ihr pixeliges Blut färbt die Wände rot. Der dritte aber reagiert schneller und tötet den Samurai, den der Spieler in "Katana Zero" steuert. Gut, dass dieser die Zeit manipulieren kann. So ist er im Spiel nie gestorben und kann nochmals versuchen, alle drei Wachleute zu überlisten. Solange, bis es klappt.

Nachts arbeitet der Samurai für eine mysteriöse Organisation als Auftragskiller, am nächsten Tag arbeitet er die Geschehnisse mit seinem Psychiater auf. Um in dem Sidescroller Katana Zero zum Ziel zu gelangen, muss sich der Spieler an Wachleuten, Mafiosi und Polizisten vorbeikämpfen. Dabei kann er nicht nur immer wieder die Zeit zurückspulen, sondern sie auch langsamer laufen lassen, um zum Beispiel auf ihn abgefeuerte Gewehrkugeln mit dem Schwert abzuwehren. Hat der Krieger seine Mission erfüllt, kehrt er in seine heruntergekommene Einzimmerwohnung zurück. Dort bringen ihn lärmende Nachbarn und Alpträume um den Schlaf. Story, Grafik in Videorekorder-Optik und Synthie-Musik kreieren ein schräges Spiel im Achtzigerlook.

"Katana Zero" ist für Nintendo Switch und PC erhältlich.

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Anno 1800

anno 1800 screenshot

Quelle: Screenshot / Caspar von Au

Es mangelt an Arbeitskraft! Gleich zu Beginn macht sich in "Anno 1800" ein entscheidender Unterschied zu den älteren Spielen der Reihe bemerkbar. Während der Spieler früher als erste Amtshandlung eine Holzfällerhütte bauen konnte, um möglichst schnell mehr Baumaterial zu erhalten, funktioniert das im neuesten Teil der Wirtschaftssimulation von Ubisoft nicht. Erst wenn er zusätzlich einige Wohnhäuser errichtet, gibt es auf der neu besiedelten Insel Bewohner, die ihre Arbeit als Holzfäller aufnehmen können. Denn in Anno 1800 bestehen wohnende und arbeitende Bevölkerung nicht mehr unabhängig voneinander, sondern sind miteinander verknüpft.

Das ist nur eine von vielen Neuerungen in Anno 1800. Wie der Titel vermuten lässt, baut der Spieler sein Inselreich zur Zeit des beginnenden Imperialismus und der Industrialisierung auf. Dass das Segelschiff auch über einen Schornstein verfügt, ist zunächst nur eine optische Änderung. Im Spielverlauf werden dann Dampfmaschinen, Erdöl und Elektrizität wichtige Ressourcen. Der Ruß aus den Schloten macht gleichzeitig aber den Inselbewohnern zu schaffen. Lässt der Spieler sie zusätzlich noch Überstunden arbeiten, können sie die Insel mittels Streiks lahmlegen. Expeditionen in die Neue Welt bringen begehrte Luxusgüter wie Rum nach Europa oder fremde Tiere für den Zoo, durch den der Spieler Touristen auf seine Insel locken kann.

Offenbar kommt das bei den Anno-Fans gut an: Laut Ubisoft ist 1800 schon zwei Wochen nach Veröffentlichung das erfolgreichste Spiel der Reihe.

Link-Tipp:

Unseren ausführlichen Test, und wieso es besonders spaßig ist, in Anno 1800 den grausamen Despoten zu mimen, lesen Sie hier.

"Anno 1800" ist für PC erhältlich.

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Tropico 6

tropico 6 screenshot

Quelle: PR / Kalypso Media

Wer sein Volk noch mehr unterdrücken möchte, als es in "Anno 1800" möglich ist, sollte zu "Tropico 6" greifen. Der sechste Teil des Aufbauspiels kommt wie Anno von einem deutschen Entwicklerstudio (Limbic Entertainment). Als El Presidente herrscht der Spieler über einen karibischen Inselstaat. Diesen führt er in wenigen Stunden von der Kolonialzeit in die Moderne - und kann den Staat in eine gnadenlose Diktatur verwandeln.

Zunächst aber muss sich der Spieler El Presidente im Baukasten eigenhändig zusammenbauen: Mann oder Frau? Vom Kleidungsstil lieber Pharao oder Fidel Castro? Verschiedene politische Gruppen, zum Beispiel Revolutionäre oder Kapitalisten, stellen gegensätzliche Forderungen an den Spieler. Je nachdem, welchen er nachkommt, bestimmt er damit die politische Ausrichtung seiner Herrschaft - und möglicherweise auch seine Amtsdauer. Der Fokus in Tropico liegt dabei stärker auf krummen Machenschaften als in Anno. So kann der Spieler beispielsweise Piraten anheuern und sie die Freiheitsstatue aus New York stehlen lassen, um es im Inselparadies wiederaufzubauen, oder Gold in Kokosnüssen unbemerkt an Konkurrenten vorbeischmuggeln.

"Tropico 6" ist für Mac und PC erhältlich.

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Heaven's Vault

Screenshot Heaven's Vault

Quelle: PR / Inkle Studios

Das Inkle Studio in Cambridge hat nur neun Mitarbeiter, aber mit "Heaven's Vault" schon mehr Neues ausprobiert als die meisten anderen Spieleentwickler dieses Frühjahrs. In einer stilisierten, nach arabischen und asiatischen Motiven gestalteten Science-Fiction-Welt ist die Forscherin Aliya auf der Suche nach einem verschwundenen Roboter-Experten. In Aliyas Welt finden sich rätselhafte Spuren einer untergegangenen Zivilisation. Neben dem Erkunden der sehr schön comicartig gezeichneten Städten und Landschaften besteht das Spiel aus dem Entziffern einer vergessenen Sprache. Diese Sprache haben die Entwickler eigens für das Spiel als Mischung aus Altägyptisch, Mandarin und Deutsch erfunden. Vom Ägyptischen und Chinesischen haben sie sich den piktografischen Stil geliehen, vom Deutschen das Prinzip der zusammengesetzten Worte. Bei den ersten Inschriften ist noch viel Raten nötig, sobald aber ein paar Zeichen bekannt sind, entwickelt die Mischung aus Wiedererkennen und ständigem Neuinterpretieren eine motivierende und einzigartige Spieldynamik.

Dieses Prinzip wiederholt sich im Spieldesign: Die in der fantastischen Welt dekontextualisierten arabisch-asiatischen Kleidungs- und Architekturstile machen manches Klischee und Vorurteil als Konstrukt erkennbar. Wenn sich Aliya in den ruckartigen Bewegungen der Comicgrafik manchmal verdoppelt und wie zum Echo ihrer selbst wird, scheinen sich auch einige philosophische Thesen von Sein und Zeit im Spiel zu verbergen.

"Heaven's Vault" ist für PC und Playstation 4 erhältlich.

© SZ.de/mri/mxm
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