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Schwerpunkt: Games in der Pandemie:Sexuelle Orientierung: Pelikan

Früher hatte "Modest Pelican" wohl Open Mike-genutzt, um als Komiker groß zu werden. Heute bleibt er einfach zuhause und zockt Ballerspiele. (Foto: Alper Özer)

Immer mehr Menschen schauen online zu, wenn andere am Computer spielen und sich dabei selbst kommentieren. Der böseste, lustigste Streamer ist ein der Gewalt zugeneigter Wasservogel.

Von Felix Stephan

Den meisten Spaß hat man immer dort, wo man ihn nicht haben sollte, zum Beispiel beim virtuellen Erschießen zwölfjähriger Kinder, die einem währenddessen mit zarten Stimmen die dunkelsten Verwünschungen ins Headset kreischen. Auf dieser Grundbeobachtung beruht zumindest "Modest Pelican Gaming", der erste echte Comedy-Kanal in der Welt des Computerspiel-Streamings. Seit Beginn der Pandemie schauen sich mehr Menschen als je zuvor an, was Streamer wie der zockende Pelikan über Computerspiele zu sagen haben. Am Beispiel einer Session "Modern Warfare" beschreibt er den Reiz daran so: "Ihr hättet die Aggression hören sollen! Wie dort geschrieen wurde! Es war zugleich hochgradig besorgniserregend und wunderschön."

Über den Umstand, dass die Computerspielindustrie schon Kinder, vor allem Jungen, gezielt anleitet, ihre Identität aggressiv und asozial auszulegen, sind viele Dissertationen geschrieben worden. Allerdings ignoriert der strenge Doktoranden-Ton, in dem Debatten über das Gewaltpotenzial der Spielekultur für gewöhnlich geführt werden, dass die Praxis des Gamings in erster Linie wahnsinnig lächerlich ist. Aus diesem Missverhältnis generiert der Streamer hinter "Modest Pelican" auf Youtube seine Comedy, indem er diese Lächerlichkeit zum eigentlichen Lustzentrum des Computerspielens umdeutet.

"Es ist aufregend, aber kontrovers"

Er verteidigt sich nicht gegen die Klischees, die Gamer so umwehen, sondern trägt sie wie Orden vor sich her: die Gewaltbereitschaft, die Jungfräulichkeit, die richtungslose Obsession, den ganzen Irrsinn. Er umarmt die Infantilität mit dem Vokabular der Kulturkritik. Seine Kunstfigur Modest Pelican orientiert sich eng an den empirischen Befunden über Online-Gamer und spielt sie überhöht zurück.

Ansonsten ist von ihm nur bekannt, was er in seinem Kanal über sich selbst erzählt: Er heißt Geoff, ist ein weißer, heterosexueller Australier, hat einen manischen Ehrgeiz, ausreichend Wasser zu trinken, verurteilt körperliche Beziehungen außerhalb der Ehe und verfügt als jemand, der sich sexuell als Pelikan identifiziert, über einen überdurchschnittlich großen Schnabel. Modest Pelican geht es um den "good, clean fun", der unter den kulturtheoretischen Diskursschichten in der Computerspielkultur eben auch noch verborgen liegt. Vom Spiel "Battlefield 5" berichtet er an einer Stelle, das Spiel sei ein bisschen so, "wie wenn man beim Abendessen bei den Schwiegereltern seinen Penis auf den Tisch legt: Es ist aufregend, aber es ist kontrovers". Und an "Modern Warfare" gefällt ihm vor allem die Message: dass Gewalt und Krieg nicht zwangsläufig schlecht sind.

Auf seinem Kanal spielt er vor allem "GTA 5", "Hitman 2" und die "Battlefield"-Reihe. Er zeichnet seine Spielzeit auf, schneidet das Material ungezählter Stunden zu zehnminütigen Videos zusammen und spricht darüber seine eigenen Texte. Und diese Texte gehören zum besten, was in der immer wieder erstaunlich mürrischen Welt der Streamer derzeit zu bekommen ist.

Er entwickelt ganze Handlungsbögen über verschiedene Episoden hinweg, die mit der eigentlichen Handlung der Spiele höchstens lose verbunden sind, und erweist sich in den besten Momenten als verblüffend pointierter Erzähler. Vor eineinhalb Generationen hätte jemand mit seinem Talent auf dem Weg zur eigenen Late-Night-Show noch die Open-Mike-Bühnen von Manhattan aufsuchen müssen, in der Hoffnung, dort einem Produzenten aufzufallen. Heute bleibt er einfach zu Hause und verdient mit seinem eigenen Youtube-Kanal deutlich mehr. Die allermeisten seiner wöchentlichen Videos werden mehr als eine halbe Million Mal aufgerufen.

© SZ/phbo/jhl
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