Neue Richtlinien Facebook verbietet sexuelle Andeutungen

Facebook hat sich und seinen Nutzern neue Regeln für anzügliche Inhalte gegeben.

(Foto: Charles Deluvio/Unsplash)
  • Facebook-Nutzer dürfen keine "vagen anzüglichen Bemerkungen" oder "sexuellen Andeutungen" mehr machen.
  • Das Netzwerk hat seine Gemeinschaftsstandard stillschweigend geändert, ohne dass es jemand mitbekommen hat.
  • Die neuen Regeln enthalten einige unklare Formulierungen. Sie könnten Verwirrung auslösen und zu versehentlich gelöschten Inhalten führen.
Von Simon Hurtz

Zwei Facebook-Nutzer unterhalten sich über den Messenger. Sie flirten. Das Gespräch wird intim, eine anzügliche Bemerkung fällt: "Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben."

Dieser Satz müsste Facebook eigentlich gefallen. Schließlich ist es das erklärte Ziel des Unternehmens, die Welt zu vernetzen, Beziehungen aufzubauen und "Menschen näher zusammenzubringen". Außerdem testet Facebook seit einigen Monaten eine Dating-Funktion, die Tinder Konkurrenz machen soll. Ein Flirt zwischen zwei Erwachsenen sollte also zur Strategie des Unternehmens passen.

Das Gegenteil ist der Fall. Im Oktober hat Facebook stillschweigend seine Gemeinschaftsstandards überarbeitet und den Umgang mit bestimmten sexuellen Inhalten verschärft. Öffentlich wurde die Änderung nicht kommuniziert. Auf Nachfrage sagt eine Sprecherin, dass künftig ein durchsuchbares Archiv mit älteren Versionen der Hausregeln zur Verfügung gestellt werden soll, um Überarbeitungen transparent zu machen. Die neuen Formulierungen blieben knapp zwei Monate lang unbemerkt, bis die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) und später das deutsche Blog Netzpolitik.org das Thema aufgriffen.

Social Media Die Kälte der Algorithmen zeigt sich nach einer Stillgeburt
Werbung im Netz

Die Kälte der Algorithmen zeigt sich nach einer Stillgeburt

Gillian Brockell hat ihr Baby verloren, aber sie wird immer noch mit Werbung für Mütter-Zubehör belästigt. Jetzt knöpft sie sich Facebook und Instagram vor.   Von Jannis Brühl

In den Gemeinschaftsstandards formuliert Facebook weltweit gültige Regeln, die teils deutlich über nationale Gesetzgebung hinausgehen. Facebook hat sie nun um einen Punkt ergänzt: "sexuelle Kontaktaufnahme". Dort werden teils Inhalte gebündelt, die zuvor in anderen Abschnitten zu finden waren, teils finden sich neue, strengere Regeln.(*)

Facebook listet mehrere Kategorien verbotener Inhalte auf. Dazu zählen kommerzielle Pornographie, explizite sexuelle Sprache und "sexuelle Kontaktaufnahme" wie das Versenden von Nacktbildern. Ein weiterer Absatz untersagt auch "implizite sexuelle Kontaktaufnahme". Darunter versteht Facebook unter anderem:

  • vage anzügliche Bemerkungen wie "möchte heute Nacht noch Spaß haben"
  • sexualisierter Slang
  • sexuelle Andeutungen wie die Erwähnung von Folgendem: sexuelle Rollen, Sexstellungen, Fetischszenarien, sexuelle Vorlieben/Präferenzen (...)
  • Inhalte (von Hand gezeichnet, digital oder echte Kunstobjekte), die explizite sexuelle Handlungen oder (...) anzüglich positionierte Personen zeigen oder zu zeigen scheinen.

Die Regeln gelten für alle Plattformen und Kanäle auf Facebook, also nicht nur für öffentliche Beiträge, sondern auch für private Gruppen und Chats im Messenger. Dort müssen sie allerdings von einer der an der Unterhaltung beteiligten Personen gemeldet werden, bevor Facebooks Content-Moderatoren tätig werden.

Die EFF mutmaßt, dass Facebook auf ein neues Gesetz in den USA reagiert haben könnte. Seit der "Stop Enabling Sex Traffickers Act" in Kraft ist, drohen Online-Plattformen hohe Strafen, wenn sie etwa Menschenhandel und Zwangsprostitution ermöglichen. Die Bürgerrechtler glauben, dass das Gesetz zu weit geht und Unternehmen wegen der teils schwammigen Formulierungen vorsorglich zu viel löschen könnten. Facebook widerspricht dieser Darstellung und verweist darauf, dass sich die Gemeinschaftsstandards laufend weiterentwickelten.

Die Richtlinien enthalten unklare Formulierungen

Unabhängig davon, was ursächlich für Facebooks Entscheidung war, werfen die neuen Regeln Fragen auf. Ein Großteil der Inhalte, die Facebook verbietet, ist selbst in den im Vergleich zu Westeuropa prüden USA legal. In Deutschland wäre eine Bemerkung wie "Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben" vermutlich kein Problem in einem Film, der ab zwölf Jahren freigegeben ist. Dennoch sollen sich erwachsene Facebook-Nutzer auch in beiderseitigem Einvernehmen keine "vagen, anzüglichen Bemerkungen" schicken. Genauso unklar erscheint das Verbot von Kunstobjekten, die "anzüglich positionierte Personen" zeigen - oder auch nur zu zeigen scheinen.

Die Gemeinschaftsstandards sollen eine möglichst unmissverständliche und allgemeingültige Richtlinie darstellen. Wenn sie die Entscheidung der Interpretation des Betrachters überlassen, sind Missverständnisse programmiert. Bereits in der Vergangenheit hat Facebook immer wieder angeblich anstößige Kunstwerke gelöscht, etwa die berühmte Freiheitskämpferin auf dem Gemälde von Eugène Delacroix (nackte Brüste) oder eine Statue des nackten Meeresgottes Neptun, die auf einem Platz in Bologna steht ("explizit sexuell").