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Facebook und Google:Fake News sind ein Symptom des digitalen Kapitalismus

Facebook Fake News

Im Digitalkapitalismus - siehe Google und Facebook - ist es extrem profitabel, falsche, zum Anklicken reizende Geschichten zu produzieren und zu verbreiten.

(Foto: dpa)

Das Gerede der Eliten von Fake News ist selbst fake. Verblendete Politiker sehen nicht, was die Krise der westlichen Demokratie mit dem Silicon Valley zu tun hat.

Die Demokratie ertrinkt in Fake News. Das ist der beruhigende Schluss all jener, die im vergangenen Jahr auf der Verliererseite waren, ob beim Brexit, bei den amerikanischen Wahlen oder beim Referendum in Italien. Offenbar verlieren alle diese aufrichtigen und altmodisch-rationalen Erwachsenen Wahlen nur wegen einer Epidemie von gefälschten Nachrichten, Internet-Memen und lustigen Youtube-Videos.

Für diese Leute ist das Problem nicht, dass die Titanic des demokratischen Kapitalismus in gefährliche Gewässer segelt; über ihr mögliches Sinken darf in der besseren Gesellschaft ohnehin nie gesprochen werden. Das Problem sind die vielen Berichte über riesige Eisberge am Horizont.

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Daher die Schwemme an verfehlten Vorschlägen zur Lösung des Problems: Internet-Meme verbieten (eine Idee der spanischen Regierungspartei); Expertenkommissionen bilden, die über den Wahrheitsgehalt von Nachrichten urteilen (ein Vorschlag von Italiens oberstem Kartellwächter); Zentren zur Bekämpfung von Fake News einrichten und Twitter und Facebook bestrafen, wenn sie diese verbreiten (eine Idee von deutschen Behörden).

Dieser letzte Vorschlag ist ein wunderbarer Anreiz für Facebook - das kürzlich ein Foto der nackten Neptun-Statue in Bologna zensiert hat -, freie Meinungsäußerung zu fördern. Ein Tipp für autoritäre Regime: Wenn ihr mit Online-Zensur durchkommen wollt, klassifiziert einfach alle Artikel, die euch nicht gefallen, als Fake News. Niemand im Westen wird sich je darüber beschweren.

Führen Fake News zum Zusammenbruch der Demokratie?

Unterdessen hat Facebook angekündigt, seinen Usern zu erlauben, in Deutschland tatsächliche oder falsche Fake News zu melden. Facebook verspricht, diese dann externen Fact-Checking-Experten zur Prüfung vorzulegen.

Wird die Fake-News-Krise zum Zusammenbruch der Demokratie führen? Oder ist sie nur Symptom eines tieferen, strukturellen und seit Langem bestehenden Problems? Diese Frage sollte sich jede reife Demokratie stellen. Doch unsere Eliten wollen davon nichts wissen. Ihr Reden von den Fake News ist selbst fake. Es ist ein oberflächlicher Versuch, ein Problem zu erklären, dessen Existenz sie noch immer nicht anerkennen wollen. Dass Mainstream-Institutionen von Parteien über Thinktanks bis hin zu den Medien die gegenwärtige Krise wie selbstverständlich am liebsten mit Fake News erklären, sagt viel über die Geschlossenheit ihrer Weltsicht.

Westliche Gesellschaften leugnen wichtige Tatsachen

Die große Gefahr für die westlichen Gesellschaften ist heute nicht so sehr die Entstehung nicht-liberaler Demokratien, sondern die Schwäche ihrer eigenen Demokratien. Zum einen manifestiert sie sich in der Leugnung der Tatsache, dass die meisten heutigen Probleme ökonomischen Ursprungs sind. Zum anderen in der Leugnung der Korruptheit professioneller Expertise.

Der erste Typ von Argument manifestiert sich immer dann, wenn Phänomene wie der Brexit oder Trumps Wahlerfolg kulturellen Faktoren wie dem Rassismus oder der Ignoranz der Wähler zugeschrieben werden. Der zweite Typ leugnet, dass die Entfremdung von den gesellschaftlichen Institutionen, die viele empfinden, nicht daher rührt, dass sie nicht wissen, wie diese funktionieren, sondern dass sie es nur zu gut wissen.

Fake News sind eine Konsequenz aus dem digitalen Kapitalismus

Verblendet von diesen beiden Leugnungen, schlagen die Politiker mehr von dem vor, was die Wähler entfremdet hat: mehr Expertentum, mehr Zentralisierung, mehr Regulierung. Doch da sie nicht in den Kategorien politischer Ökonomie denken, regulieren sie am Ende gerade die falschen Dinge.

Die Aufregung um Fake News illustriert, wie diese beiden Leugnungen die Demokratie zu ewiger Unreife verdammen, weil sie sich weigern, anzuerkennen, dass Fake News eine Konsequenz aus dem Geschäftsmodell des digitalen Kapitalismus sind.

Es gab immer verrückte Bewegungen, die Fake News in die Welt hinausposaunten. Doch ihre irren Theorien erreichten wenige, weil ihnen die heutige digitale Infrastruktur fehlte, die durch Online-Werbung üppig finanziert wird. Das Problem sind nicht Fake News, sondern die Geschwindigkeit und Leichtigkeit, mit denen sie sich verbreiten lassen. Sie existieren vor allem deshalb, weil es der heutige Digitalkapitalismus - siehe Google und Facebook - extrem profitabel macht, falsche, aber zum Anklicken reizende Geschichten zu produzieren und zu verbreiten.

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Um Fake News zu erkennen, hat Facebook sich das Recherchezentrum Correctiv als Partner ausgesucht. Dessen Geschäftsführer David Schraven erklärt, wie eine kleine Redaktion all der Falschmeldungen Herr werden soll.   Interview: Oliver Klasen

Um die Krise der Fake News in diesem Licht zu sehen, müsste das Establishment eine der Leugnungen überwinden und sich mit der politischen Ökonomie der Kommunikation beschäftigen. Doch es waren ja gerade die Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien, die in den letzten dreißig Jahren das Genie des Silicon Valley beschworen, die Telekommunikationsfirmen privatisierten und Kartellfragen eher lax handhabten.

Die Lösung liegt nicht im Silicon Valley

Der zweite Typ der Leugnung zeigt sich blind gegenüber der Korruption der heutigen Expertenkultur. Wenn Thinktanks unbekümmert Geld von ausländischen Regierungen annehmen; wenn Energiekonzerne zweifelhafte Forschung zum Klimawandel finanzieren; wenn Finanzaufseher und Mitglieder der Europäischen Kommission ihre Jobs aufgeben, um an die Wall Street zu gehen; dann kann man den Bürgern ihre Skepsis gegenüber den "Experten" kaum vorwerfen.

Die aktuellen Lösungsvorschläge sind autoritär

Die Eliten werden immer weiter nach innovativen Lösungen für das Problem der Fake News suchen, genauso wie sie auch nach innovativen Lösungen für den Klimawandel suchen. Die beiden Probleme haben eine gewisse Ähnlichkeit. So wie der Klimawandel ein natürliches Nebenprodukt des fossilen Kapitalismus des Kohle- und Ölzeitalters ist, sind Fake News ein Nebenprodukt des digitalen Kapitalismus.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ein genialer Unternehmer, der genug hat von dem autoritären Charakter der aktuellen Vorschläge, die Kräfte des freien Markts auf das Problem loslassen wird. Warum nicht etwa einen postfaktischen Emissionshandel etablieren, auf dem Medienunternehmen ihre von der Regierung ausgestellten Fake-News-Genehmigungen handeln können? Lächerlich? Ja. Wirkungslos? Ja. Aber diese Idee würde sicherlich wichtige Preise für soziale Innovation gewinnen.

Lösen lässt sich das Problem der Fake News nur, indem man die Grundlagen des digitalen Kapitalismus überdenkt. Online-Werbung und ihr zerstörerischer Anreiz zum Anklicken und Teilen darf nicht mehr wie heute eine so zentrale Rolle in der digitalen Kommunikation spielen. Gleichzeitig müssen wir den Bürgern mehr Entscheidungsmöglichkeiten geben statt leicht zu korrumpierenden Experten und prinzipienlosen Konzernen.

Das hieße, eine Welt zu schaffen, in der Facebook und Google weder großen Einfluss noch das Monopol für Problemlösungen haben. Eine anspruchsvolle Aufgabe für reife Demokratien. Leider beschuldigen die existierenden Demokratien aber lieber andere und delegieren die Lösung ihrer Probleme immer öfter an das Silicon Valley.

Der Autor hat Bestseller wie "The Net Delusion" und "Smarte neue Welt" verfasst.

Aus dem Englischen von Jörg Häntzschel.

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