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Kooperation mit Verlagen:Facebook will mehr Platz für Journalismus schaffen

Facebook in seiner App nun auch in Deutschland einen eigenen Bereich für journalistische Inhalte schaffen.

(Foto: AFP)

Auch in Deutschland soll es in der Facebook-App einen eigenen Bereich für journalistische Inhalte geben. Verlage erhalten Geld und Aufmerksamkeit, doch das Projekt ist umstritten.

Von Simon Hurtz, Berlin

Für Mark Zuckerberg war die Sache von Anfang an klar. "Unsere Perspektive unterscheidet sich stark von Unternehmen, die Nachrichten als Möglichkeit sehen, ihren Umsatz zu maximieren", sagte er im Frühjahr 2019. Facebook gehe es um etwas anderes: "Wir wollen so viel qualitativ hochwertigen Journalismus fördern wie möglich." Ob diese Beteuerung mehr Substanz hat als manch andere Versprechen von Zuckerberg, werden deutsche Verlage im kommenden Jahr wohl selbst überprüfen können.

Innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate will Facebook in seiner App nun auch in Deutschland einen eigenen Bereich für journalistische Inhalte schaffen und dort Artikel ausgewählter Medien präsentieren. Bislang gab es das Programm nur in den USA. Teilnehmende Verlage sollen Geld dafür erhalten, dass Facebook Überschriften und eine Vorschau anzeigt. Bislang ist unklar, nach welchen Kriterien Facebook seine Medienpartner auswählen will. Auf Nachfrage heißt es, die Gespräche stünden noch ganz am Anfang.

Ein Blick in die USA zeigt, wie Facebook News funktioniert. Im vergangenen Oktober begannen dort die ersten Tests, seit Juni sehen alle Nutzerinnen und Nutzer ein neues Symbol in der Facebook-App. Es führt zu einem Bereich, der sich stark vom gewohnten Newsfeed unterscheidet. Statt Beiträgen von Freunden versammelt Facebook dort ausschließlich journalistische Inhalte. Einen Teil der Artikel kuratieren Redakteure bei Facebook, den Rest sortieren Algorithmen. Jeder Nutzer sieht also eine Auswahl, die auf seine Interessen zugeschnitten ist.

Neben New York Times und Washington Post sind in den USA mehr als tausend lokale und regionale Verlage dabei. Facebook bezahlt nur ausgewählte Medienpartner für die Lizenzen. Wer wie viel Geld erhält, verschweigt das Unternehmen. Im vergangenen Jahr brachte das Wall Street Journal Beträge von bis zu drei Millionen Dollar pro Jahr ins Spiel, Facebook dementiert den Bericht nicht. Angeblich hat sich die Zahl der Menschen, die über Facebook auf die dort vertretenen Nachrichtenseiten zugreifen, durch die Einführung des News-Tabs fast verdoppelt.

Verlage also bekommen Geld und Aufmerksamkeit, Facebook freut sich über hochwertige Inhalte und verbessert das angespannte Verhältnis mit vielen Verlagen? Was nach einem Projekt klingt, von dem beide Seiten profitieren, ist durchaus umstritten. Desinformation und Propaganda erreichen auf Facebook Hunderte Millionen Menschen, die Plattform gilt bislang nicht gerade als beste Anlaufstation für verlässliche Informationen. Auch die Auswahl der Medienpartner in den USA hat Kontroversen ausgelöst. Facebook kooperiert unter anderem mit dem Rechtsaußen-Portal Breitbart, das Lügen verbreitet, gegen Minderheiten hetzt und in der Wikipedia aus gutem Grund nicht als Quelle zitiert werden darf.

Man wolle eben ein möglichst breites Meinungsspektrum wiedergeben, rechtfertigte Zuckerberg die Entscheidung. Welche Standards in Deutschland gelten sollen, ist nicht bekannt. Facebook verweist nur auf den sogenannten Nachrichtenseiten-Index, der Voraussetzung für eine Aufnahme in Facebook News sei. Wer eine Facebook-Seite betreibt und bestimmte inhaltliche Kriterien erfüllt, kann sie als journalistisches Angebot registrieren. Teilt man wiederholt Fehlinformationen oder betreibt Werbung, fliegt die Seite aus dem Index. Welche Anbieter in Deutschland dafür freigeschaltet sind, weiß nur Facebook.

Das Unternehmen spricht von "Medienpartnern", in der Vergangenheit war es aber oft kein Verhältnis auf Augenhöhe: Facebook wies etwa die Zugriffe auf Videos falsch aus und brachte Verlage dazu, sinnlos in die Produktion von Videos zu investieren. Oder schraubte ohne Vorwarnung am Algorithmus, der die Inhalte des Newsfeeds auswählt. Der Traffic vieler Nachrichtenseiten brach ein, und einige Medien, die ihr Geschäftsmodell zu einseitig auf Facebook ausgerichtet hatten, gingen Pleite.

Zuckerberg betont zwar immer wieder öffentlich, wie wichtig guter Journalismus für die Demokratie sei. Für Facebook selbst spielen Inhalte von Medien aber offenbar eine deutlich geringere Rolle. Im Juni drängte Australien Facebook, Lizenzgebühren für Artikel zu zahlen. "Nachrichten bringen keinen signifikanten wirtschaftlichen Mehrwert für unser Geschäft", wies Facebook die Forderung zurück. "Journalistische Inhalte lassen sich leicht ersetzen, und die meisten Nutzer kommen nicht zu Facebook, um Nachrichten zu sehen."

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