Ein Ashley-Madison-Nutzer erzählt:"Es war der größte Fehler meines Lebens."

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Warum haben Sie sich überhaupt bei Ashley Madison angemeldet?

Das war 2010, nach unserem ersten Kind hatte meine Frau eine Fehlgeburt, und unsere Ehe stand kurz vor dem Aus. Wir wussten beide nicht, wie wir mit der Trauer umgehen sollen, und statt uns gegenseitig zu helfen, haben wir uns zerstritten. Es war eine fürchterliche Zeit für uns beide, die Scheidung war jeden Tag ein Thema. Ich habe es nicht ausgehalten und Ablenkung gesucht. Es war der größte Fehler meines Lebens, ich verachte mich selbst dafür.

Wie lange haben Sie das Portal genutzt?

Ungefähr ein halbes Jahr. Ich habe für zwei Seitensprünge gezahlt, und ich bin mir schrecklich dabei vorgekommen. An die Frauen kann ich mich kaum noch erinnern. Eine war deutlich älter, eine deutlich jünger, beide unglücklich verheiratet, keine Kinder. Im Bett haben wir uns gut verstanden, sonst hatten wir uns nichts zu sagen. Aber genau darum geht es ja. Als ich gemerkt habe, dass mich das nicht von meiner Trauer ablenkt, habe ich aufgehört. Meine Frau und ich haben eine Psychotherapie gemacht und beide wieder den Weg zurück in den Alltag gefunden. Ich habe meine Mitgliedschaft gekündigt und alle Daten kostenpflichtig löschen lassen.

Ihre Mailadresse steht nun aber trotzdem im Netz.

Hinter Ashley Madison stecken Betrüger. Sie haben 19 Dollar dafür verlangt, dass der komplette Account entfernt wird - angeblich. Tatsächlich haben sie einfach nur das Geld kassiert und die Daten auf ihren Servern gelassen.

Sind Sie wütend?

Nur auf mich selbst. Letztendlich habe ich mir das doch alles selbst eingebrockt. Jemand anderen für mein Verhalten verantwortlich zu machen wäre Unsinn. Sündenböcke helfen mir jetzt nicht weiter. Ich kann bloß hoffen, dass meine Frau mit mir redet und irgendwann bereit ist, meine Entschuldigung zu akzeptieren. Wir sind seit vier Jahren wieder ein richtiges Paar, eine glückliche Familie. Das zu verlieren ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.

Und die Hacker, was ist mit denen?

Auch da gilt: Schuld bin in erster Linie ich selbst. Trotzdem finde ich das Verhalten der Hacker unverantwortlich. Es sind ja nicht nur Leute wie ich, deren Mailadressen jetzt im Internet zu finden sind; nicht nur westliche Wohlstandsbürger auf der Suche nach dem schnellen Seitensprung, aus welchen Gründen auch immer. In Saudi-Arabien steht auf Ehebruch die Todesstrafe. Angeblich soll es Tausende saudische Nutzer gegeben haben, darunter Homosexuelle. Auf Reddit hat ein verzweifelter Nutzer bereits um Asyl in einem anderen Land gebeten, weil er fürchtet, gefoltert und hingerichtet zu werden. Diese Menschen sind es, die einem leidtun sollten.

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