Doku-Reihe "Homo Digitalis" Auf Plattformen wie Twitch geht es längst nicht mehr nur um Gaming

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Twitchs Stärke sind diese kleinen Communities. Die Zuschauer begeistern sich für ein bestimmtes Spiel und jeweils einen oder eine Handvoll Streamer. Das beobachten auch die ganz Großen im Silicon Valley ganz genau. Formten sich Gemeinschaften um Videoinhalte zu einem bestimmten Interesse herum, schaffe das ein höheres Maß an gefühlter Zugehörigkeit, sagte Mark Zuckerberg in Facebooks jüngstem Quartalsbericht. Und: "Wir haben festgestellt, dass Live-Videos zehn Mal so viele Interaktionen und Kommentare generieren wie andere Videos." Twitch wurde bereits 2014 von Amazon gekauft.

Hauptmarkt der Online-Livestreaming-Plattformen Twitch, Youtube Gaming und Mixer, die Streaming-Plattform von Microsoft, sind Videospiele. Aber auf den Plattformen lassen sich mittlerweile auch Kochshows ansehen; der Streamer Sodapoppin nahm unlängst seine Zuschauer mit auf seine Japanreise; der kanadische DJ deadmau5 lässt seine Fans teilhaben, wenn er ein neues Lied mixt; die Marmeladenoma liest Märchen vor.

Als Zuschauer dem Streamer Gegner auf den Hals jagen

Live und interaktiv muss es sein. Microsofts Mixer will beide Punkte noch besser machen als Marktführer Twitch. Erstens soll der Stream auf Mixer mit weniger als einer Sekunde Verzögerung beim Zuschauer ankommen (bei Twitch und anderen Plattformen sind es mehrere Sekunden). So sollen Streamer und Zuschauer noch unmittelbarer interagieren. Denn zweitens sollen die Zuschauer direkten Einfluss auf die Inhalte des Streams nehmen. Über Buttons können sie Video- oder Audioeffekte einblenden, die alle anderen Zuschauer ebenfalls sehen und hören, physische Elemente wie die Beleuchtung im Studio des Streamers verändern oder - der Clou - ins Spiel des Streamers eingreifen. Das geht, wenn im Spiel entsprechende Schnittstellen vorhanden sind.

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Als eines der ersten Games bietet "Minecraft" solche Möglichkeiten der Zuschauer-Eingriffe. Minecraft, das mittlerweile ebenfalls Microsoft gehört, ist ein Open-World-Spiel, in dem die gesamte Spielwelt aus vom Gamer abbaubaren 3D-Würfeln besteht. Ein Knopfdruck in Mixer und der Zuschauer kann im Spiel zum Beispiel ein virtuelles Skelett auf den Avatar des Streamers jagen, das diesen angreift und stört. Der Streamer wiederum kann steuern, was passiert, wenn ein Zuschauer auf einen der Knöpfe drückt, und wie oft er das tun kann. Mixer soll dem Zuschauer ein "gamifiziertes Erlebnis" bieten, sagt Ben Favreau von Microsoft.

Fernsehen und Livestreaming - das ultimative Medium

Wie sich Livestreaming in den kommenden Jahren weiterentwickeln könnte, zeigt auch der Ansatz des US-amerikanischen Start-ups VREAL. Todd Hooper, CEO des Unternehmens, glaubt fest daran, dass die Menschen in Zukunft Livestreams in der virtuellen Realität (VR) ansehen werden. VREAL ist eine Software, die den Stream als 360-Grad-Video aufzeichnet und wiedergibt. Die Zuschauer treffen sich in einem virtuellen Raum mit dem Streamenden, von dort aus reisen sie in die 3D-Welt des Spiels. Dort können sie sich frei bewegen und mit anderen Zuschauern interagieren, während sie dem Streamer bei seinen Abenteuern in der Spielewelt zusehen.

In VR gibt es dann nicht mehr nur die eine Perspektive, aus der alle gezwungenermaßen zusehen. Der Zuschauer wählt die Perspektive selbst. "In Zukunft wird Streamen für den Spieler eher wie eine Theateraufführung sein", sagt Hooper. "Der Streamer kann nicht mehr diktieren, wohin die Zuschauer gucken." Es wird sich noch stärker anfühlen, als befänden sich Streamer und Publikum im selben Raum, auf derselben Couch. Alles werde noch persönlicher, noch intimer, behauptet Hooper. Aktuell befindet sich VREAL aber noch in der Entwicklung, auch VR als Ganzes ist noch nicht so weit, das gilt für Software wie Hardware.

Für Streamer Maxim Markow ergäbe das Verschmelzen von Fernsehen und Livestreaming "das ultimative Medium": die Professionalität des alten Mediums gepaart mit den Interaktionsmöglichkeiten des neuen. "Je mehr Interaktion, desto besser", findet Markow. "Das klingt kitschig", fügt er hinzu, "aber für uns wäre es schön, wenn wir die Zuschauer sehen." Das könnte in Zukunft dank Virtual Reality möglich sein. Noch veranstalten Streamer wie Markow Treffen mit ihren Fans in der analogen Welt, in echt und in Farbe.

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