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Doctor Box:Die andere Corona-Warn-App

Doctor Box

Ein Bluetooth-Sender in einem Supermarkt in Ahrenshoop an der Ostsee. Im ganzen Ort gibt es solche Beacons.

(Foto: oh)

Mit Sensoren in Läden und Hotels will ein Start-up Infektionswege von Covid-19 nachvollziehbar machen. Wer die App installiert hat und an einem Ort war, an dem auch Corona-Patienten waren, wird gewarnt.

Von Elisabeth Dostert, Berlin

Dieser Leuchtturm ist nicht größer als ein Smartphone und genauso flach. Seit ein paar Wochen hängen rund 50 Beacons, so heißen die Bluetooth-Sender im Fachjargon, in Hotels, Supermärkten und auch in der Kurdirektion des Ostseebades Ahrenshoop. Sie sollen dabei helfen, Infektionsketten des Coronavirus Sars-CoV-2 nachzuvollziehen. "Der Beacon selbst ist doof und auch keine neue Erfindung", sagt Oliver Miltner, 56, Arzt und Mitgründer des Berliner Start-ups Doctor Box. Solche Sender werden auch eingesetzt, um in Läden zu beobachten, welche Wege die Kunden nehmen, vor welchen Regalen sie länger stehen bleiben, welche Ecken sie meiden. Und nun sollen sie eben dabei helfen, die Treffpunkte von coronainfizierten Menschen nachzuvollziehen.

Für den Testlauf in Ahrenshoop mussten sie sich dafür in der App von Doctor Box registrieren. Ein sogenanntes Kontakttagebuch unter dem Menüpunkt Covid 19 registriert, ob der Nutzer an einem Beacon vorbeigelaufen ist. Während die offizielle Corona-Warn-App auf der Kommunikation einzelner Smartphones untereinander basiert, liege der Fokus beim Beacon-Konzept auf öffentlichen Treffpunkten und damit den potenziellen Infektionsherden.

"Der Sender selbst speichert keine personenbezogenen Daten der Besucher. Der Leuchtturm weiß auch nicht, welche Schiffe vorbeigefahren sind", erklärt Miltner. Meldet das Gesundheitsamt, dass sich eine infizierte Person an einem mit Beacon ausgestatteten Ort aufhielt, gibt der Hotelier oder Händler die Nachricht an Doctor Box weiter. Über deren Server läuft dann der Abgleich mit den Kontaktbüchern. Nutzer, die sich zur gleichen Zeit dort aufhielten, erhalten eine Nachricht, so dass sie testen lassen können, ob sie sich angesteckt haben.

Über die App lässt sich auch ein Symptomtagebuch führen. Dabei werden für Covid-Erkrankungen bekannte Symptome wie Fieber, Husten, Kurzatmigkeit, Geschmacksverringerung und viele andere abgefragt. Auch Testergebnisse lassen sich hochladen. "Damit haben wir überhaupt angefangen", so Miltner. In einem Pilotprojekt mit dem Münchner Labor Becker & Kollegen und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns können sich Menschen, die in der mobilen Station auf der Theresienwiese getestet wurden, ihre Befunde elektronisch übermitteln lassen.

Der Test mit der Beta-Version der App in Ahrenshoop mit rund 2300 Nutzern ist mittlerweile abgeschlossen. Meldungen gab es nicht. Allerdings ist die Zahl der Infektionen in Mecklenburg-Vorpommern deutlich kleiner als in anderen Bundesländern. Schon bald soll es auch eine eigenständige und Open-Source-Version geben ohne die Registrierung bei Doctor Box, so dass Firmen den Dienst in ihre eigene App integrieren können, kündigt Miltner an.

Doctor Box ist eine digitale Gesundheitsakte, in der die Nutzer Dokumente laden können

Als Zielgruppe für die Beacons hat Doctor Box auch die bundesweit rund 19 000 Apotheken ausgemacht. Die Kunden können dann selbst entscheiden, ob sie die Doctor-Box-App oder eine andere Smartphone-Anwendung mit integriertem Kontakttagebuch nutzen. Verbindungen in die Branche gibt es schon. Seit Herbst gehört der Apotheken-Dienstleister Noventi Health SE zu den Gesellschaftern, schon länger Mark Becker, Eigentümer des Labors Becker & Kollegen. Becker gehört der Wort und Bild Verlag, in dem Publikationen wie die Apotheken-Umschau erscheinen. Im Gespräch sei man auch mit Hotels und dem Hilfsmittelhersteller Medi, sagt Miltner.

Eigentlich ist Doctor Box eine digitale Gesundheitsakte, in der die Nutzer Dokumente laden können, etwa Bilder von radiologischen Untersuchungen, Ärztetermine und Medikamente verwalten und an diese erinnert werden können und ein Schmerztagebuch führen können. Miltner hat die Firma im Herbst 2016 gemeinsam mit Stefan Heilmann gegründet.

Heilmann ist Chef der IEG Investment Banking Group und ein routinierter Investor. Die sogenannten Tombstones, gläserne Trophäen für erfolgreiche Deals, füllen ein ganzes Sideboard im Besprechungsraum der IEG in West-Berlin. In den Räumen sitzt auch Doctor Box. Miltner, Orthopäde und Unfallchirurg, führt eine große Praxis in Berlin. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass Patienten häufig nur mit "gar keinen oder sehr unvollständigen Befunden" zur Behandlung kommen. Er und Heilmann sind befreundet. Seit der Gründung haben sie Miltner zufolge mehr als zwei Million Euro eingesammelt. Die Gründer halten nach eigenen Angaben noch rund die Hälfte des Kapitals. Mehr Details will Miltner nicht nennen.

Seit Ende 2017/Anfang 2018 ist die Doctor-Box-App online. Die Nutzung der App kostet nichts. "Bis zum heutigen Tag hat Doctor Box noch kein Geld verdient", sagt Miltner. "Unsere Investoren sind von der Strategie, erlösfrei bis Ende 2020, informiert."

Doctor Box arbeite an "kostenpflichtigen Mehrwertmodellen", etwa Videosprechstunden oder ein Zweitmeinungsportal. Erst einmal soll es eine "gesunde Basis" von Nutzern geben, bis Ende 2020 sollen es eine Million sein. Die Praxis will Miltner nicht aufgeben. "Das macht mir zu viel Spaß."

© SZ vom 15.07.2020
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