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Pandemie-Bekämpfung per Smartphone:Wird die Corona-App helfen?

Hand hält Smartphone mit Corona Warn-APP in der Bäckerei, Corona-Krise, Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland Coron

Die ersten App-Nutzer dürften mittlerweile die Aufforderung bekommen haben, sich testen zu lassen. Nun kann die App ihren Zweck erfüllen.

(Foto: Michael Weber/imago)

Eine Woche nach ihrer Einführung ist die Corona-Warn-App des Bundes bereits 13 Millionen Mal heruntergeladen worden. Ob sie auch tatsächlich ein Erfolg wird, hängt von drei Faktoren ab.

Von Sören Müller-Hansen

Dreizehn Millionen Mal haben Menschen in Deutschland die Corona-Warn-App heruntergeladen. Gut eine Woche nach ihrer Einführung gingen am Dienstagabend auch die ersten Meldungen von Infektionsfällen ein, natürlich anonymisiert. Statt Namen liegt eine Liste von Zahlencodes vor, sogenannte Schlüssel, die nun mit den gesammelten Kontakten jedes App-Nutzers abgeglichen wird.

In der Datenbank, die im Netz einsehbar ist, stehen bereits mehrere Hundert Einträge. Wie viele infizierte Menschen tatsächlich dahinterstehen, lässt sich nicht genau sagen. Denn um zu verhindern, dass Personen identifiziert werden können, hat die App auch einige falsche Schlüssel generiert und in der Datenbank hinterlegt. Realistischerweise dürfte die Zahl der infizierten Nutzer sich noch im niedrigen zweistelligen Bereich bewegen. Doch egal, wie viele es sind: Die ersten App-Nutzer dürften mittlerweile die Aufforderung bekommen haben, sich testen zu lassen. Die App kann nun den Zweck erfüllen, für den sie geschaffen wurde: dabei helfen, Infektionsketten schneller und präziser zurückzuverfolgen.

Aber wie soll das Ganze in der Praxis aussehen? Ob die App tatsächlich ein wichtiger Baustein bei der Bekämpfung des Virus wird, hängt maßgeblich von drei Faktoren ab: der Geschwindigkeit, der Anzahl der Nutzer und der Fehleranfälligkeit.

Faktor 1: Zeit

Die Pandemie in Deutschland wird derzeit größtenteils gut in Schach gehalten. Dabei helfen Abstands- und Hygieneregeln, der Einsatz von Alltagsmasken und die Kontaktnachverfolgung durch die örtlichen Behörden. Doch die Kontaktnachverfolgung, bei der Mitarbeiter der Gesundheitsämter Listen abtelefonieren, ist langsam. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Etwa die Hälfte der Ansteckungen findet statt, bevor ein Infizierter überhaupt Symptome entwickelt. Die Gesundheitsämter erfahren davon erst nach einem positiven Test und beginnen dann damit, Kontaktpersonen zu ermitteln.

Die Corona-Warn-App hat das Potenzial, diesen Prozess deutlich zu beschleunigen. Zwei bis vier Tage Zeitgewinn verspricht sich Kanzleramtschef Helge Braun davon. Für die Virusbekämpfung wäre das ein entscheidender Vorteil. Der Epidemiologe Marcel Salathé, entscheidend an der Entwicklung der Schweizer Corona-App beteiligt, ist etwas vorsichtiger: "Das ist sehr abhängig von vielen menschlichen Schritten davor und danach", sagt er. Das ganze System müsse auf Geschwindigkeit ausgelegt sein, auch die Tests müssten sehr schnell durchgeführt werden, damit ein Vorteil entsteht.

Hier besteht noch dringender Nachbesserungsbedarf: Bislang ist nur ein kleiner Teil der Labore in der Lage, Testergebnisse direkt über die App an die Getesteten zu übermitteln. Alle anderen müssen nach ihrem Test warten, bis ihr Arzt oder ihre Ärztin ihnen das Ergebnis mitteilt und anschließend eine Telefonhotline anrufen, bevor sie mögliche Kontakte über die Corona-Warn-App informieren können. Bald sollen aber alle Labore eine direkte Schnittstelle zur App bekommen. Gelingt das, dann wird der Zeitgewinn deutlich größer, wie eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Modellierungs-Studie zeigt.

Faktor 2: Anzahl der Nutzer

Das Robert-Koch-Institut vermeldete am Donnerstag, die Corona-Warn-App sei bereits 13 Millionen Mal heruntergeladen worden - das entspricht mehr als 15 Prozent der Bevölkerung hierzulande. Die tatsächliche Zahl der Nutzer dürfte etwas niedriger sein, da nicht erfasst wird, ob sich Menschen die App auf verschiedene Geräte geladen oder ob alle die App auch eingeschaltet haben.

Bei den Downloads wäre Umfragen zufolge noch deutlich Luft nach oben. Dem ARD-Deutschlandtrend vom Juni zufolge sind 42 Prozent der Befragten dazu bereit, die App zu installieren, 39 Prozent wollen das nicht tun. Allerdings kann nicht jeder der 55,7 Millionen Smartphone-Besitzer in Deutschland die Corona-Warn-App auf seinem Smartphone installieren. Die wichtigste technische Voraussetzung ist ein neueres Betriebssystem von Google (Android 6 oder höher) oder Apple (iOS 13.5). Auf älteren Geräten, etwa dem iPhone 6, funktioniert sie nicht. Auch auf neuen Smartphones von Huawei fehlt bislang die entsprechende Schnittstelle, ein Update soll jedoch in den kommenden Wochen zur Verfügung stehen. Laut Daten des Unternehmens Statcounter könnten 51 Prozent der Deutschen die App aktuell nutzen. Wenn alle ihr Gerät auf das neueste Betriebssystem updaten und Huawei die notwendigen Updates liefert, dürften etwa zwei Drittel der Deutschen startklar für die App sein. Ein gutes Drittel hat entweder kein geeignetes Gerät oder überhaupt kein Smartphone.

Wirksam ist die App Forschern zufolge schon heute. Die in den vergangenen Monaten kursierende Aussage, dass 60 Prozent eine Tracing-App nutzen müssten, beruht auf einer falschen Interpretation statistischer Modelle. Mit den in Deutschland geltenden Maßnahmen wie Abstand halten, Maskenpflicht oder dem Verbot von Großveranstaltungen fängt die App schon mit deutlich weniger Nutzern an zu wirken. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst, ist sogar noch optimistischer: "Jeder, der die App nutzt, ist ein Gewinn."

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Es gilt: Je mehr Menschen die Corona-Warn-App nutzen, desto effektiver ist sie. Damit ein Kontakt mit ihrer Hilfe erkannt werden kann, müssen sowohl der Infizierte als auch der möglicherweise Angesteckte die App installiert haben. Wenn sich bei einem Nutzungsgrad von aktuell 15 Prozent zwei Personen treffen, haben statistisch gesehen nur in zwei von hundert Fällen beide die App installiert.

Einen positiven Einfluss auf die Wirksamkeit der App dürfte dagegen ein sozialer Aspekt haben: Menschen neigen zur Grüppchenbildung. Auch die Downloads der App dürften sich daher ungleich über die Bevölkerung verteilen. Das ist jedoch eher ein Vor- als ein Nachteil. Wenn jemand in der App seine Infektion meldet, müssen auch möglichst viele seiner Kontakte die App installiert haben, damit sie gewarnt werden können. Nutzen in einem Teil der Bevölkerung besonders viele die App, werden in diesem Grüppchen Ausbrüche schneller erkannt und eingedämmt.

Faktor 3: Fehleranfälligkeit

Wie effizient mit der Corona-Warn-App Risikokontakte zurückverfolgt werden können, hängt nicht nur vom Nutzungsgrad ab, sondern zusätzlich auch davon, wie fehleranfällig die App ist. Laut Jürgen Müller, Vorstandsmitglied des Software-Konzerns SAP, lag die Fehlerquote in internen Tests bei 20 Prozent. Darin enthalten sind sowohl Risikokontakte, die nicht erkannt wurden, als auch Kontakte, die fälschlicherweise als riskant eingestuft wurden.

Solche Fehlalarme betreffen allerdings nicht nur die App. Die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter ist auch nur so effektiv wie das Erinnerungsvermögen der Infizierten. Wenn sie sich an einen Kontakt nicht erinnern oder den Namen der anderen Person nicht kennen, kann diese auch nicht benachrichtigt werden.

"Die App ist kein Freifahrtschein", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn, "sie ersetzt kein vernünftiges Verhalten." Die Forscher Robert Kleinman und Colin Merkel von der Universität Stanford warnen, die App dürfe nicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen. Es bestehe die Gefahr, dass andere Maßnahmen nicht mehr ernst genommen werden und die eigentlich als Unterstützung für die Gesundheitsämter gedachte App dann mehr schade als nütze.

Dennoch wird große Hoffnung in die digitale Kontaktnachverfolgung gesetzt. Sie soll ein entscheidender Baustein sein, um die gefürchtete zweite Welle zu verhindern. Ihre Bedeutung könnte dabei in den kommenden Monaten noch steigen, wenn die Maßnahmen weiter gelockert werden und die Menschen sich wieder häufiger an anonymen Orten begegnen - in der Bahn, in der Shoppingmeile, im Café.

© SZ vom 26.06.2020/tpa
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