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Darknet-Ermittlungen:Anklage gegen Betreiber des "Cyberbunkers" steht

LKA RLP Traben-Trarbach cyberbunker

So sah es im Cyberbunker in Traben-Trarbach aus, nachdem die Polizei das Gelände übernommen hatte.

(Foto: LKA Rheinland-Pfalz)

Drogenhandel, Kinderpornografie, Mordaufträge - all das lief laut Staatsanwälten digital über eine alte Bundeswehr-Anlage im Weingebiet an der Mosel. Ein Großaufgebot der Polizei hatte den Bunker in einer filmreifen Aktion eingenommen.

Es soll eine der aufwendigsten Operationen der organisierten Internetkriminalität gewesen sein, die in dem alten Bundeswehrbunker an der Mosel betrieben wurde: In Dutzenden Räumen, fünf Stockwerke tief in den Felsen getrieben, surrten dort Server vor sich hin, über die so ziemlich alle Straftaten gelaufen sein sollen, die das Internet hergibt: Drogenhandel, Links auf Waffenhandel, Kinderpornografie und Mordaufträge, Datenhehlerei, Verbreiten von Falschgeld.

Dann kam der 26. September 2019, und mit ihm 440 Polizisten und die GSG 9 im Hubschrauber. Der "Cyberbunker", wie die Betreiber ihr Gebäude selbst nannten, wurde durchsucht, Beweise beschlagnahmt, acht Verdächtige verhaftet. Rund ein halbes Jahr nach der Zerschlagung steht die Anklage gegen die mutmaßliche Bande.

Die Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz wirft den Tatverdächtigen vor, in der unterirdischen Anlage in Traben-Trarbach in Rheinland-Pfalz Webseiten gehostet - also den Speicherplatz für die Internetseiten zur verfügung gestellt - zu haben, über die internationale Kriminelle illegale Geschäfte abwickelten. Das werten die Staatsanwälte in mehr als einer Million Fällen als Beihilfe, weil die Beschuldigten durch die Bereitstellung der Server diese Taten "maßgeblich unterstützt und gefördert" hätten. Die vier Niederländer, drei Deutschen und ein Bulgare im Alter von 20 bis 60 Jahren müssten sich auch wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung verantworten. Hauptakteur soll ein 60-jähriger Niederländer sein. Er soll die Anlage, die der Bundeswehr einst als Schutzbunker und Wetterstation diente, 2013 erworben und nach und nach aufgebaut haben.

Berüchtigte Seiten des Darknets

Die Ermittler sehen die Räume voller ans Internet angeschlossener Computer als "Bulletproof Hoster", wie es in der Szene heißt: "Der besondere Service eines derartigen Hosters besteht darin, den Kunden Schutz vor staatlichem Zugriff zu bieten und so Ermittlungen zu vereiteln."

Auf den Servern im Bunker sollen von Dritten mehrere berüchtigte Seiten des Darknets betrieben worden sein. Das Darknet ist jener Teil des Internets, der nur mit einem speziellen Browser zu erreichen und kaum zu überwachen ist. Dort finden sich legale Angebote, aber auch Kriminelle nutzen die Anonymität, die das Darknet bietet, für ihre Zwecke.

So seien etwa über den Darknet-Marktplatz "Cannabis Road" der Staatsanwaltschaft zufolge "rund 28 kg Cannabisprodukte in 3955 Einzelverkäufen" verkauft worden. Auf der Seite "Wall Street Online", die ähnlich wie Ebay aufgebaut war, wurden auch MDMA, Heroin, Kokain und Methamphetamin verkauft, zudem gefälschte Dokumente, Schadsoftware für Hacker, illegal erlangte Zugangsdaten zu Packstationen und illegal erlangte Kreditkarten. Auch ein automatisierter Hackerangriff, der 2016 mehr als eine Million Router der Deutschen Telekom lahmlegte - obwohl er eigentlich ein völlig anderes Ziel hatte -, soll über die Infrastruktur des Cyberbunkers gelaufen sein. Geschätzter Schaden: zwei Millionen Euro. All das soll in der idyllischen Gegend abgelaufen sein, in der, wie die Wirtschaftswoche nach einem Ortsbesuch anmerkte, "ein paar Hundert Meter entfernt eine feine Rieslingtraube mit dem einprägsamen Namen Kröver Nacktarsch gedeiht".

Die Angeschuldigten sollen "klare Absprachen getroffen und eine feste Rollenverteilung mit eindeutig definierten Aufgaben" etabliert haben, darunter Management, Buchhaltung und IT-Infrastruktur. Der Hauptbeschuldigte soll schon seit den neunziger Jahren in den Niederlanden IT-Technik für anonyme Geschäfte betrieben haben.

Die Staatsanwaltschaft beschränkt sich in ihrer Anklage zunächst auf sieben Tatkomplexe, weil die Auswertung des Datenmaterials noch andauere. Nach eigenen Angaben werten die Ermittler 403 Server, 57 Mobiltelefone, 412 einzelnen Festplatten, 61 Computer, 65 USB-Speichermedien, 16 SD-Karten und diverse CDs und Disketten aus.

Die Anklage ist an der Jugendkammer des Landgerichts Trier erhoben worden, weil zwei der Angeschuldigten zur Tatzeit noch Heranwachsende waren. Einen Termin für den Prozess gibt es noch nicht.

Mit Material von dpa

© SZ.de/mxm/mri
Darknet  16:9

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