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Buch-Digitalisierung:David gegen Googliath

Google schränkt sich beim Einscannen von Büchern aus Europa ein. Das birgt für deutsche Verlage die Gefahr, die Digitalisierung weiter zu verschlafen.

Ein Aufatmen geht durch die Reihen deutscher Verlage und Buchhändler. Die neu verabschiedete, überarbeitete Version des umstrittenen Google Book Settlement betrifft eine wesentlich geringere Anzahl deutscher Bücher als noch in der ersten, harsch kritisierten Version des Vertrages vorgesehen.

Halt, es ist ein Europäer! Google hat Zugeständnisse an deutsche Verlage gemacht

(Foto: Foto: iStock)

Laut Paul Aiken, dem Chef der amerikanischen Autorengewerkschaft, fallen "mehr als 95 Prozent" aller nicht englischsprachigen Bücher aus der neuen Vereinbarung. Nach wie vor in Googles Visier sind aber deutsche oder in Deutschland erschienene Bücher, die in den USA ins Copyright-Register für ausländische Bücher eingetragen wurden.

Das betrifft vor allem Bücher, die vor 1978 erschienen sind. Davor waren die unterschiedlichen Urheberrechtsgesetze und die fehlende völkerrechtliche Verbindung der Gesetze Grund genug für viele Verlage und Autoren, ihre Bücher mit ebendiesem Copyright-Eintrag in den USA schützen zu lassen. Wie viele Verlage und Autoren damals dem Hinweis gefolgt sind, wie viele deutsche Bücher also immer noch von Googles Digitalisierungsstrategie betroffen sind, ist unklar.

Amerikanische Liste wird veröffentlicht

Auf der anderen Seite ist die amerikanische Liste noch nicht veröffentlicht worden. Das soll nun schnellstmöglich nachgeholt werden. Erst dann will auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels prüfen, ob er erneut gegen Google vorgehen wird..

Das Google Book Settlement ist ein vor einem New Yorker Gericht ausgehandelter Vertrag, in dem festgelegt wird, welche Bücher Google für seinen Online-Service Google Books nutzen darf. Nachdem im Verlauf des Jahres Autoren, Verlage und europäische Politiker das Unternehmen immer schärfer kritisiert hatten und das US-Justizministerium den Richter bat, den Entwurf wegen des problematischen Umgangs mit dem Urheberrecht abzulehnen, hat Google am Freitag seinen neuen Entwurf vorgelegt.

Nach der neuen Fassung sind von dem Buchvergleich bis auf die erwähnten deutschen und weitere europäische Ausnahmen nur noch Werke betroffen, die entweder bei der amerikanischen Urheberrechtsbehörde registriert oder die in anderen englischsprachigen Ländern erschienen sind

Die technischen Möglichkeiten erlauben es, von Google digitalisierte Bücher nicht nur im Volltext zu durchsuchen, sondern auch vollständig online zu lesen. Allerdings ermöglicht Google diese Optionen nicht bei allen digitalisierten Büchern. Google Books soll sich in Zukunft durch Werbeeinblendungen finanzieren.

Wann darf Google scannen?

Außerdem sollen ab 2010 kostenpflichtige, digitale Zugänge zu von Verlagen freigegebenen Büchern eingeführt werden. Die Einnahmen daraus wird sich Google dann mit den Verlagen teilen. Bislang wird der Service allerdings nach Angaben von Google firmenintern mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr subventioniert.

Unter welchen Umständen Bücher von Google digitalisiert werden dürfen, ist umstritten. Zur Kritik trug auch bei, dass Google bereits viele Bücher ohne Anfrage bei den Rechteinhabern eingescannt hat. Unproblematisch ist dies nur, wenn die Bücher gemeinfrei sind - also älter als 70 Jahre. Im Fall von verfügbaren Büchern und bei Werken, deren Urheber nicht auffindbar sind, war Googles Verhalten auf Dauer nicht durchsetzbar.

Der Erfolg für die deutschen Verlage und andere Rechteinhaber birgt auch die Gefahr dauerhafter Rückständigkeit. Denn Google ist - so sehr dies hinsichtlich der Monopolgefahr bedenklich stimmen mag - eine der treibenden Kräfte, die die Welt ins digitale Zeitalter bewegen. Kulturgüter, die bei diesem Prozess nicht mitgenommen werden, laufen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert bekanntlich die "Schaffung einer Deutschen Digitalen Bibliothek." Das klingt sinnvoll. Wer aber die bestehenden Projekte aus deutscher Hand im Netz kennt, zweifelt am Erfolg eines solchen Modells. Einerseits, weil die Konkurrenz übermächtig ist: Google ist mit schier unendlichen Bargeldreserven ausgestattet. Andererseits aber auch deshalb, weil deutsche Verlage und öffentliche Einrichtungen nach wie vor das Netz als Ort für den erweiterten Abverkauf begreifen - aber nicht als Chance für mediengerechte Innovationen.

Sinnfreie Volltext-Suche

Deutlich wird dies am Projekt Libreka des Börsenvereins, das oft zum Google-Books-Konkurrenten ernannt wurde. Die Webseite ist aber nichts als eine schlichte Plattform für den Buchverkauf, auf der man in ein paar digitalisierten Buchseiten blättern kann.

Die gepriesene Volltext-Suche, mit der man gelistete Bücher durchsuchen kann, funktioniert zwar, bleibt aber aufgrund der begrenzten Funktion des Angebotes sinnfrei. Was hat der Suchende davon, zu wissen, dass Mephisto zwar in Goethes "Faust" zu finden ist, solange er den eigentlichen Treffer seiner Suche nicht sehen kann, weil Libreka von "Faust" nur das Vorspiel auf dem Theater bereit hält.

So klaffen noch weite Qualitätsgräben zwischen Google und den selbsternannten Konkurrenten. Google plant, ein digitales Netz aus sämtlichen Büchern zu schaffen. Der kulturelle wie wirtschaftliche Preis dafür ist hoch; er umfasst Urheberrechte, Nutzungsbedingungen und Stilfragen. Die Verlage aber klammern sich an eine Zeit, in der das Internet nicht mehr war als eine Idee im Kopf seiner Erschaffer.