USA Twitter der Schwarzen

Black Lives Matter ist vom Hashtag zur Bürgerrechtsbewegung geworden.

(Foto: REUTERS)

Black Twitter ist ein Netzwerk im Netzwerk, das Themen für ganz Amerika setzt. Würde Martin Luther King Jr. heute leben, er wäre Teil davon.

Von Sara Weber

Hätte Martin Luther King Jr. heute einen Traum, er würde wohl darüber twittern, vielleicht unter dem Namen @mlk und dem Hashtag #IHaveADream. Denn die Schwarzen Amerikas versammeln sich statt sich in Kirchen, in Gemeindezentren oder auf der Straße heute auf Twitter, genauer auf Black Twitter.

Black Twitter ist wie ein Klub ohne Schild: Um es zu finden, muss man von seiner Existenz wissen. Black Twitter ist keine Unterseite von Twitter, die man einfach anklicken kann, sondern eine Art Netzwerk im Netzwerk. Es ist eine Gemeinschaft, die innerhalb des sozialen Netzwerks Twitter zusammengefunden hat. Die Mitglieder sind sehr aktiv, sie kennen sich, haben gemeinsame Themen und sind in der Regel schwarz. Aber nicht jeder, der schwarz ist, ist automatisch Teil von Black Twitter. Und man muss auch nicht zwingend schwarz sein, um zu Black Twitter zu gehören.

Nicht nur ein Elitennetzwerk

Viele Mitglieder von Black Twitter sind Journalisten, Aktivisten und Prominente. Anders als in Deutschland ist Twitter in den USA aber kein Eliten- sondern ein Mainstream-Medium, in dem Schwarze deutlich aktiver sind als Weiße. 40 Prozent der 18- bis 29-jährigen Afro-Amerikaner nutzen Twitter, vertreten sind alle sozialen Schichten und Gehaltsklassen.

Twitter ist bei Schwarzen so beliebt, weil sie dort ungefiltert und unabhängig von Medieninteresse und Berichterstattung über die Themen sprechen können, die ihren Alltag bestimmen. Und weil das Black-Twitter-Netzwerk so groß ist, werden seine Themen oft zu nationalen Themen, von Popkultur bis Politik.

Dass die Fernsehserie "Empire", die vom Leben eines Hiphop-Moguls und seiner Familie handelt, zum größten TV-Erfolg der jüngsten Zeit geworden ist, ist Black Twitter zuzuschreiben. 94 Prozent aller Schwarzen zwischen 18 und 49 Jahren, die während der Ausstrahlung des Staffelfinales den Fernseher laufen hatten, schauten "Empire" - da konnte selbst der Superbowl nicht mithalten.

Dass die schwarze Drehbuchautorin und Produzentin Shonda Rhimes mittlerweile einen ganzen Serienabend beim US-Sender ABC unter dem Titel "Thank God, it's Thursday" (#tgit) bespielen darf, hat sie ebenfalls Black Twitter zu verdanken.

Rhimes ist an allen drei Serien - "Grey's Anatomy", "Scandal" und "How to get away with murder" (HTGAWM) - maßgeblich beteiligt, entweder als Autorin oder Produzentin. Schauspielerin Viola Davis bekam jüngst den Emmy als beste Hauptdarstellerin einer Drama-Serie für ihre Rolle in HTGAWM, als erste schwarze Frau überhaupt. Gefeiert wurde sie, natürlich, auf Black Twitter.

Rachel Dolezal, Präsidentin der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAAPC, musste sich öffentlich dafür verantworten, dass sie ihre afro-amerikanische Herkunft nur erfunden hatte, nachdem #RachelDolezal auf Twitter zum Trending Topic wurde. Wenig später trat sie zurück. Zugleich machte sich Black Twitter über sie lustig: Wenn sie wirklich so schwarz sei, wie sie behaupte, müsse sie sich auch mit schwarzer Kultur auskennen - so die Prämisse der Quizfragen unter dem Hashtag #AskRachel.

Doch es geht nicht immer nur um Fernsehen, Musik und Identitätslügen, Black Twitter ist auch politisch. Als der schwarze Jugendliche Michael Brown im August 2014 vom weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen wurde und sein Leichnam vier Stunden lang auf der Straße liegen blieb, trug Black Twitter den Protest aus der Kleinstadt hinaus in die ganze Welt.