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Apple Watch:Wie eine digitale Gouvernante

Apple Watch Smartwatch Waiting

Der Ansturm war riesig: In Los Angeles übernachten Menschen vor dem Apple Store, um sich möglichst früh ihr Exemplar abzuholen.

(Foto: AP)

Und die Uhr misst ja nicht nur. Sie fordert Konsequenzen. Wer eine Stunde lang nur im Stuhl hing, den ermahnt sie, brr-brr: "Zeit aufzustehen!" Wer genügend Schritte gegangen, genügend Stockwerke hinauf- oder hinabgelaufen ist, wer sich nicht nur bewegt hat, sondern trainiert, der wird abends mit einem seltsamen Stern belohnt, einer digitalen Bastelarbeit, mit der sich die Uhr wohl die inaktiven Zeiten des Trägers vertreibt. Die App "Cue" geht noch weiter. Wie eine strenge Gouvernante befiehlt sie je nach Verhalten: "Trinke Wasser!", "Streck dich!", "Atme tief durch!", "Achte auf deine Haltung!"

Wie es bald weitergehen wird, verrät die endlose Liste von Parametern, die in der Health-App des iPhones angelegt ist. Elektrodermale Aktivität und BMI, Blutzucker und Körpertemperatur. Mit den richtigen Zusatzgeräten wird sich all das hier mühelos einspeisen lassen.

Die Utopie des Selbstmanagements ist nicht neu

Dieser permanente ärztliche Blick auf den eigenen Körper ist neu. Doch die Utopie des Selbstmanagements ist es nicht. Die ersten Armbanduhren hatten keinen anderen Zweck, als das eigene Leben an Zeitvorgaben anzupassen, in Fahrpläne und Erfordernisse kapitalistischer Ökonomie einzutakten. Nun wird die Kontrolle automatisiert, von der Person auf den Körper ausgeweitet, und von der Quantität auf die Qualität. Es genügt nicht mehr, acht Stunden zu arbeiten, man muss sich dabei auch achtmal vom Schreibtisch erheben. Es genügt nicht, irgendwie Sport zu treiben, die Messwerte müssen stimmen.

Die permanente Überwachung gelingt natürlich nur, wenn die Uhr immer fest am Handgelenk sitzt. Sie modisch herumschlackern zu lassen, geschweige denn sie auszuziehen, würde die Qualität der Daten ruinieren. Mit allerlei Tricks sorgt die Uhr auch dafür, dass dies nicht passiert. Das Dreieck aus Apple Watch, iPhone und User muss dauerhaft geschlossen sein. Außer nachts, wenn die Uhr neben dem Träger auf ihrem kleinen, gewölbten Induktionsbett liegt und sich regeniert.

Die Watch kann bei der digitalen Entwöhnung helfen

Doch dieser invasiven und nötigenden Seite der Apple Watch steht eine sanfte gegenüber, deren paradoxe Aufgabe es ist, das Digitale im Alltag zurückzudrängen: Sie soll Korrektiv sein zu den sozialen Schäden, die das Smartphone angerichtet hat. "Wir sind permanent verbunden mit Technologie", erklärte eben Kevin Lynch, einer der maßgeblichen Designer, in Wired die Idee hinter der Watch. "Die Leute schauen pausenlos auf ihre Screens. Wie können wir ihnen das Gefühl von Vernetztheit auf eine etwas menschlichere Weise geben? Wie können wir ihnen helfen, mehr im Augenblick zu sein, wenn sie mit einem anderen Menschen zusammen sind?" Nicht mit weniger Technologie natürlich, sondern mit noch mehr und noch avancierterer Technologie.

Alle, die bisher pausenlos den Zwang verspürten, ihr iPhone zu befingern, die Mails zu checken und sich dabei die nächste Dosis Dopamin zu holen; alle, die dafür ihr Buch weglegten, ihr Gespräch unterbrachen und sich mit Händen und Blick zum 721. Mal dem Telefon zuwendeten, denen kann die Watch tatsächlich bei der digitalen Entwöhnung helfen. Mit ihren haptischen Signalen hat die Uhr die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine auf einen eigenen Nebenkanal verlegt. Dort läuft sie zwar noch enger ab, dafür kommt es nicht ständig zu Konflikten mit wichtigeren Aktivitäten. Paradoxer psychologischer Effekt: Solange man nur mit sanftem Geklöppel von den eingehenden E-Mails erfährt, hält sich die Neugier auf deren Inhalt in Grenzen.

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Die Datenfresserin und Einpeitscherin und der Achtsamkeits-Coach, der seine Präsenz bis zum Verschwinden minimiert - sie arbeiten natürlich Hand in Hand. Apple war klug genug zu erkennen, dass das Smartphone in den wenigen Jahren seiner Existenz zu etwas Ähnlichem geworden ist wie das Auto in einem Jahrhundert: einem tumben Störer. Wenn die Technologie eine Zukunft haben soll, muss sie mit dem Körper verwachsen, muss überall sein und nirgends. Die Apple Watch ist ein erster Schritt dorthin.