Apple Watch Pock-pock, da-da, t-t und br-r-r-R

Die Apple Watch ist eine Fernbedienung fürs iPhone - und noch viel mehr.

(Foto: dpa-tmn)

Die Apple Watch möchte Körper und Technik miteinander verschmelzen - doch die Symbiose ist noch nicht perfekt. Wie es sich mit einer Smartwatch lebt.

Von Jörg Häntzschel

In sehr naher Zukunft wird uns die Klopfsprache der Apple Watch in Fleisch und Blut übergegangen sein. Stimuliert von der "Taptic Engine" werden sich am Handgelenk neue Nervenenden ausbilden, die uns helfen werden, unterscheiden zu können zwischen pock-pock, da-da-da-da, t-t und br-r-r-R. Dann werden wir wissen, dass das eine "neue Mail" heißt, das andere "Fitnessziel erreicht", das dritte "links abbiegen" und das vierte "Regen in 15 Minuten".

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Noch lieber als über das Wetter schimpfen die Menschen derzeit über die Apple Watch. Dabei brauchen wir nur mehr Gelassenheit im Umgang mit den smarten Geräten.

Bis es so weit ist, stehen der Verschmelzung von Körper und Technik, um die es bei der Watch schließlich geht, unsere Unzulänglichkeiten im Weg. Unsere - und die der Uhr. Sie ist zu groß, doch ihr Bildschirm ist zu klein. In ihren Menüs kann man sich verlaufen wie in einer Hongkonger U-Bahnstation. Und bevor das Handheben den Monitor aus dem Schlaf weckt, vergehen Bruchteile von Sekunden - zu viel Zeit, um nur die Zeit zu erfahren. Ganz zu schweigen von einem Umstand, der im T-Shirt-Land Kalifornien wohl übersehen wurde: Überall, wo nicht ganzjährig Sommer ist, braucht der Uhrenträger die rechte Hand, um an der linken den Ärmel zurückzuschieben. Wo nun die dritte Hand hernehmen, um die Uhr zu bedienen?

Anfangs bleibt unklar, wozu Smartwatches eigentlich gut sind

Doch das Hauptproblem der Apple Watch sind nicht diese Kinderkrankheiten, nicht dieses Fremdeln - beides ist kaum vermeidbar bei einem völlig neuen Gerätetyp. Es ist die auch zwei Wochen nach dem Verkaufsstart nicht beantwortete Frage, wozu die Uhr eigentlich dient. Viele Modelle kosten mehr als das iPhone, doch die Watch kann auf den ersten Blick weniger. Man kann auf ihr keine Mails schreiben, kommt nicht ins Internet, nicht einmal einen Stecker für Kopfhörer gibt es.

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Telefonieren ist möglich, sofern man einen gut trainierten linken Arm hat oder einen Tisch, auf dem man ihn stützen kann, doch nach ein, zwei Versuchen lässt man es bleiben. Das iPhone ist ja ohnehin nicht weit. Wie ein Astronaut beim Weltraumspaziergang darf sich die Apple Watch nie weiter als ein paar Meter von ihrem Mutterschiff iPhone entfernen, mit dem es "gepaart" ist. Das iPhone erledigt für die Watch die meisten Rechenprozesse, es hält auch die Internetverbindung. Reißt der Bluetooth-Link ab, wird die Smart Watch plötzlich sehr dumm.

Das erste neue Apple-Gerät seit fünf Jahren

Die Uhr ist also eine Fernsteuerung des Smartphones - und dessen Miniatur-Trabant. Doch das kann ja nicht alles gewesen sein. Schließlich ist die Apple Watch das erste neue Apple-Gerät seit dem iPad, und das kam vor fünf Jahren heraus. Ein 20-seitiges Opus im New Yorker erzählte kürzlich, welche unendlichen Mühen in die Entwicklung geflossen sind. Vom Studium der Horologie, in das sich Apples Chefdesigner Jony Ive vertiefte, über die Goldvorkommen, die sich Apple gesichert hat, um die bis zu 18 000 Euro teure Edition-Watch herzustellen, bis hin zu Apples Fitness-Labor, das mit seinen Maschinen und Messgeräten jenes der Nasa-Astronauten aussehen lässt wie eine Hotel-Gym.

Doch trotz ihrer merkwürdigen Redundanz könnte die Watch sich kaum stärker vom iPhone unterscheiden. Am deutlichsten ist das an den beiden kleinen Leuchten an der Unterseite zu sehen, die alle paar Minuten Infrarotlicht durch die Haut schicken, um an den Venen die Herzfrequenz zu ertasten. Das iPhone dient mit Kamera, Mail, Messages und Internet zum Austausch mit Welt und Menschen, die Apple Watch zum Austausch mit dem eigenen Körper. Alle elektronischen Fitness-"Bänder" tun das, doch ihre Daten versacken meist in irgendwelchen Speichern. Apple zaubert auf dem iPhone ein komplexes und sofort verständliches Bild daraus, das jede Minute aktualisiert wird.

"74! Sehr guter Ruhepuls"

Sobald dieses Bild sichtbar ist, ein Bild, das bisher höchstens Ärzte kannten - für die Minuten, in denen sie uns untersuchen -, ist das Bewusstsein vom eigenen Körper nicht mehr dasselbe. "74! Sehr guter Ruhepuls!", lobt der aus Amerika eingeflogene PR-Mann von Apple, der mir die Uhr im Rahmen einer kleinen Kommunion anlegt, gleich bei der ersten Messung. Weder weiß ich, was dieser Wert aussagt, noch, ob es lobenswert war oder fahrlässig, dass ich meinen Puls am 1. Mai um 13.15 Uhr auf 207 hochgejagt habe. Seit die Uhr misst, lausche auch ich dem Geklopfe in der Brust. Und es beschleunigt sich ja nicht nur beim Joggen.

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