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Datensammler:Wie App-Anbieter persönliche Daten ausschlachten

Facebook und Instagram auf einem Smartphone

Nicht nur soziale Netzwerke, auch viele andere Apps analysieren im Hintergrund Nutzerdaten.

(Foto: dpa)
  • Auch, wer kein Facebook-Konto hat, kann sicher sein: Das Unternehmen sammelt seine Daten trotzdem.
  • Doch nicht nur soziale Netzwerke sammeln und analysieren private Daten. Auch vermeintlich unverdächtige Apps wissen sehr viel über ihre Nutzer.
  • Ein Risiko kann das spätestens dann werden, wenn die Datensätze der Fitness-App, des intelligenten Kühlschranks und der Krankenversicherung miteinander verknüpft werden.

Wenn man nicht so genau hinschaut, dann ist es ein Smartphone-Bildschirm wie Millionen andere auf der Welt: Apps für Sportergebnisse, Streamingdienste, Nachrichtenportale, Shopping, Banking - das war's. Was man nicht findet auf diesem Handy, das sind soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, Kontaktportale wie Tinder und Hinge, Foren zur Selbstdarstellung wie Snapchat und Tik Tok. Der Besitzer des Smartphones ist 27 Jahre alt, ein sogenannter Digital Native, in die digitale Welt hineingeboren und mit Internetdiensten aufgewachsen. Und doch hat er seine Profile in den vermeintlichen Pflicht-Apps für Millennials gelöscht: "Zu viel Blödsinn, zu viel Hass, zu viele falsche Nachrichten", sagt er, und natürlich kennt er auch die Berichte darüber, wie Facebook anderen Unternehmen klammheimlich umfassenden Zugang zu Kundendaten gewährt hat: "Das will ich nicht mehr haben."

Ja, man kann sich rar machen im digitalen Universum, so wie es auch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck jüngst getan hat - wegen eigener Fehler, wie er zugibt, aber auch wegen des Hackerangriffs auf die Privatdaten von Politikern. Niemand kann heute mehr ausschließen, dass sich ein Erpresser oder ein schadenfroher Mitmensch Zugang zu intimen Geheimnissen verschafft. Und niemand weiß genau, welche Daten Firmen wie Facebook, Twitter und Google völlig legal sammeln und was sie damit machen. Scheinbar einziger Ausweg: ein Leben als analoger Einsiedler.

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Doch so befreiend der Abschied aus der Facebook-Welt anfangs sein mag, so wenig ist damit gewonnen. Denn es sind mitnichten nur die sozialen Netzwerke, die unser Leben systematisch nach vermarktbaren Details durchsuchen und sich ihre vermeintlich kostenlosen Dienste durch die Preisgabe privater Daten bezahlen lassen. Vielmehr gibt es Tausende Programme, die so funktionieren - von Still-Apps über Schul-, Lern- und Spiel-Software, Fitnesstracker bis zu Streaming-, Fahr-, Karten- und Gesundheitsdiensten.

"Jede Firma muss heutzutage eine digitale Firma sein", hat Meg Whitman, damals noch Chefin von Hewlett Packard, schon vor einiger Zeit gesagt, keiner komme ohne das Datensammeln aus. "Adapt or die", so Whitman, anpassen oder sterben. Tag für Tag lüftet der gläserne Bürger so neue Geheimnisse, gibt mehr von sich preis, liefert sich aus - von der Wiege bis zur Bahre. Die Frage, welche Chancen und Risiken dies birgt, dürfte die wichtigste gesellschaftspolitische Debatte des 21. Jahrhunderts werden.

Schwangerschafts-Werbung nach Verlust des Kindes

Streng genommen beginnt die Datensammelei nicht einmal mehr mit der Geburt, sondern sogar schon davor. Da gibt es zum Beispiel das Ultraschallgerät Baby-Scan, ein kabelloses medizinisches Instrument im Taschenformat, mit dem werdende Mütter daheim das Kind in ihrem Bauch betrachten und ihm beim Wachsen zusehen können. Selbstverständlich enthält die zugehörige App eine "Share"-Funktion, die dabei hilft, Fotos und Videos des werdenden Lebens mit Emoticons zu verzieren und an Freunde, Verwandte und Bekannte zu verschicken. Das Baby wird Teil des öffentlichen Lebens, noch bevor es überhaupt das Licht der Welt erblickt hat.

So verständlich der Wunsch werdender Eltern ist, ihre Freude mit aller Welt zu teilen, das Baby im Bauch statt nur beim Arzt auch zu Hause ansehen und sich jederzeit vergewissern zu können, dass es putzmunter ist, so sehr machen sie sich damit zur Zielscheibe für Werbewirtschaft und Industrie. Wohin das im schlimmsten Fall führen kann, zeigt der Fall der amerikanischen Journalistin Gillian Brockell. Sie hatte ihre Schwangerschaft in den sozialen Medien zelebriert, bei Google nach Baby-Utensilien gesucht und bei Amazon bestellt.

Im Dezember jedoch, nur wenige Wochen vor der geplanten Niederkunft, verlor sie ihr ungeborenes Kind - wurde von den Algorithmen der Tech-Konzerne jedoch weiter als Mutter identifiziert und mit Online-Anzeigen für Eltern- und Kinderprodukte bombardiert. Die Kreditauskunft Experian schickte ihr gar die makabre Aufforderung, die angeblich begonnene Registrierung ihres vermeintlich längst geborenen Sohnes doch gefälligst abzuschließen.

Fitness-Apps und intelligente Kühlschränke verraten viel

Wer in der vergangenen Woche über die Technikmesse CES in Las Vegas flanierte und sich mit Erfindern und Unternehmern unterhielt, dem wurde überdeutlich, dass Daten das Edelmetall des 21. Jahrhunderts sind. Wer heutzutage eine App auf seinem Telefon nutzt, um mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben oder seinen Hobbys zu frönen, der wird von den Anbietern virtuell vermessen, seziert und mit entsprechender Werbung bedacht. Wer seine DNA bei der Firma 23andMe untersuchen lässt, der sollte wissen, dass er sein komplettes Erbgut übergibt - ein für alle Mal. Wer seinem Kind ein digitales Sportgerät kauft, kann die Leistungen auf der Statistikseite Stat-Sports zwar mit denen von Gleichaltrigen vergleichen, sollte sich aber bewusst sein, dass er zugleich selbst Daten liefert.

Es sammeln indes auch Firmen, die man nicht auf den ersten Blick für Goldgräber halten würde. Die harmlose Fitness-App etwa weiß, wie oft der Nutzer sich bewegt und wie viel er gegessen hat. Der Kühlschrank von Drinkshift soll mithilfe von künstlicher Intelligenz die Trinkgewohnheiten der Kunden erlernen und so automatisch Bier nachbestellen. Er weiß damit aber auch, ob sich einer womöglich viel zu viel Alkohol gönnt. Und wer sich im letzten Jahr billige Kinokarten bei Movie-Pass sicherte, dem seien die Worte von Firmenchef Mitch Lowe ans Herz gelegt: "Wir beobachten dich dabei, wie du von daheim ins Kino fährst. Wir wissen, welche Filme du guckst. Wir beobachten, wohin du danach fährst. Wir wissen alles über dich." Klingt gruselig? Es wird noch schlimmer.

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Viele Unternehmen kooperieren mittlerweile miteinander und tauschen Daten gegenseitig aus, und da hilft es überhaupt nicht, sich zum Beispiel von Facebook fernzuhalten - Mark Zuckerbergs Konzern bekommt die Daten dennoch. Eine Studie der britischen Non-Profit-Organisation Privacy International ergab kürzlich, dass rund 61 Prozent der untersuchten Handy-Apps automatisch Daten an das größte soziale Netzwerk weitergeben, selbst wenn die Nutzer dort gar nicht oder nicht mehr Mitglied sind. Die beliebte Reisevermittlungs-App Kayak zum Beispiel übermittelte detaillierte Informationen über die Suchanfragen einzelner Kunden, ihre angetretenen Reisen und sogar die jeweils gewählte Buchungsklasse an Facebook.

Die Datensammler haben zudem die Möglichkeit, gewonnene Informationen an sogenannte Daten-Broker zu verkaufen. Diese klauben vor allem in den USA Tausende Einzelerkenntnisse zusammen, erstellen komplette Persönlichkeitsprofile und veräußern sie an Unternehmen sowie Werbefachleute. Die Firmen wissen nach einiger Zeit fast alles über den Handy-, Tablet- oder Smart-TV-Nutzer: Vorlieben, politische Ansichten, oft auch Hautfarbe, Geschlecht, Finanzlage und Erkrankungen. Auf der CES präsentierte sich zum Beispiel ein Unternehmen namens Video-Amp, der eifrige Mitarbeiter schwärmte davon, wie effizient die Werbung sei, die man anbiete: Video-Amp bezieht demnach von unterschiedlichen Firmen Daten über die Kauf- und die Sehgewohnheiten von Konsumenten, kombiniert diese und schneidet den Werbeangriff dann so zu, dass der einzelne Kunde gar nicht mehr merkt, dass er genau das kauft, was ihm da eingeredet wird.

Irgendwann könnten auch andere Datensätze verknüpft werden

Wer sich nicht allzu sehr um die Wahrung seiner Privatsphäre schert, dem kann das alles egal sein - noch. Die Vorschriften, welche Informationen die Unternehmen nutzen und was sie mit ihnen anstellen dürfen, können sich aber ändern: Wer zum Beispiel der Fitness-App wahrheitsgemäß anvertraut, dass er täglich eine Flasche Wein trinkt, könnte möglicherweise eines Tages von seiner Krankenversicherung mitgeteilt bekommen, dass der Beitrag erhöht werden müsse. Und kann man wirklich sicher sein, dass die eigene Idee beim virtuellen Team-Meeting auf der Plattform Klaxoon auch tatsächlich niemand sonst sehen kann und dass sie vor Hackerangriffen sicher ist? Und was ist mit dem chinesischen Unternehmen Guangdong Kang-Yun Technologies, das mit seinen hochauflösenden 3D-Scannern gewissermaßen die ganze Welt elektronisch erfassen will?

Natürlich kann man kulturoptimistisch erklären, dass dies nun eben die Welt von heute sei - und dass man selbst Schuld habe, wenn man keinen Tor-Browser auf einem verschlüsselten Linux-Tablet benutzt. Man kann umgekehrt auch kulturpessimistisch das analoge Einsiedlertum zur Lösung verklären und behaupten, dass jeder selbst schuld sei, wenn er ein Nacktfoto von sich auf dem Privathandy speichert. Viel weiter aber kommt man mit solchen Extrempositionen nicht - so wie es zum Schutz der eigenen Daten nicht reicht, sich lediglich bei den sozialen Netzwerken abzumelden. Der Mensch des 21. Jahrhunderts sollte wissen: Alle sammeln Daten. Alle.

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