Datensammler Wie App-Anbieter persönliche Daten ausschlachten

Nicht nur soziale Netzwerke, auch viele andere Apps analysieren im Hintergrund Nutzerdaten.

(Foto: dpa)
  • Auch, wer kein Facebook-Konto hat, kann sicher sein: Das Unternehmen sammelt seine Daten trotzdem.
  • Doch nicht nur soziale Netzwerke sammeln und analysieren private Daten. Auch vermeintlich unverdächtige Apps wissen sehr viel über ihre Nutzer.
  • Ein Risiko kann das spätestens dann werden, wenn die Datensätze der Fitness-App, des intelligenten Kühlschranks und der Krankenversicherung miteinander verknüpft werden.
Von Claus Hulverscheidt und Jürgen Schmieder, Las Vegas

Wenn man nicht so genau hinschaut, dann ist es ein Smartphone-Bildschirm wie Millionen andere auf der Welt: Apps für Sportergebnisse, Streamingdienste, Nachrichtenportale, Shopping, Banking - das war's. Was man nicht findet auf diesem Handy, das sind soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, Kontaktportale wie Tinder und Hinge, Foren zur Selbstdarstellung wie Snapchat und Tik Tok. Der Besitzer des Smartphones ist 27 Jahre alt, ein sogenannter Digital Native, in die digitale Welt hineingeboren und mit Internetdiensten aufgewachsen. Und doch hat er seine Profile in den vermeintlichen Pflicht-Apps für Millennials gelöscht: "Zu viel Blödsinn, zu viel Hass, zu viele falsche Nachrichten", sagt er, und natürlich kennt er auch die Berichte darüber, wie Facebook anderen Unternehmen klammheimlich umfassenden Zugang zu Kundendaten gewährt hat: "Das will ich nicht mehr haben."

Ja, man kann sich rar machen im digitalen Universum, so wie es auch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck jüngst getan hat - wegen eigener Fehler, wie er zugibt, aber auch wegen des Hackerangriffs auf die Privatdaten von Politikern. Niemand kann heute mehr ausschließen, dass sich ein Erpresser oder ein schadenfroher Mitmensch Zugang zu intimen Geheimnissen verschafft. Und niemand weiß genau, welche Daten Firmen wie Facebook, Twitter und Google völlig legal sammeln und was sie damit machen. Scheinbar einziger Ausweg: ein Leben als analoger Einsiedler.

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Doch so befreiend der Abschied aus der Facebook-Welt anfangs sein mag, so wenig ist damit gewonnen. Denn es sind mitnichten nur die sozialen Netzwerke, die unser Leben systematisch nach vermarktbaren Details durchsuchen und sich ihre vermeintlich kostenlosen Dienste durch die Preisgabe privater Daten bezahlen lassen. Vielmehr gibt es Tausende Programme, die so funktionieren - von Still-Apps über Schul-, Lern- und Spiel-Software, Fitnesstracker bis zu Streaming-, Fahr-, Karten- und Gesundheitsdiensten.

"Jede Firma muss heutzutage eine digitale Firma sein", hat Meg Whitman, damals noch Chefin von Hewlett Packard, schon vor einiger Zeit gesagt, keiner komme ohne das Datensammeln aus. "Adapt or die", so Whitman, anpassen oder sterben. Tag für Tag lüftet der gläserne Bürger so neue Geheimnisse, gibt mehr von sich preis, liefert sich aus - von der Wiege bis zur Bahre. Die Frage, welche Chancen und Risiken dies birgt, dürfte die wichtigste gesellschaftspolitische Debatte des 21. Jahrhunderts werden.

Schwangerschafts-Werbung nach Verlust des Kindes

Streng genommen beginnt die Datensammelei nicht einmal mehr mit der Geburt, sondern sogar schon davor. Da gibt es zum Beispiel das Ultraschallgerät Baby-Scan, ein kabelloses medizinisches Instrument im Taschenformat, mit dem werdende Mütter daheim das Kind in ihrem Bauch betrachten und ihm beim Wachsen zusehen können. Selbstverständlich enthält die zugehörige App eine "Share"-Funktion, die dabei hilft, Fotos und Videos des werdenden Lebens mit Emoticons zu verzieren und an Freunde, Verwandte und Bekannte zu verschicken. Das Baby wird Teil des öffentlichen Lebens, noch bevor es überhaupt das Licht der Welt erblickt hat.

So verständlich der Wunsch werdender Eltern ist, ihre Freude mit aller Welt zu teilen, das Baby im Bauch statt nur beim Arzt auch zu Hause ansehen und sich jederzeit vergewissern zu können, dass es putzmunter ist, so sehr machen sie sich damit zur Zielscheibe für Werbewirtschaft und Industrie. Wohin das im schlimmsten Fall führen kann, zeigt der Fall der amerikanischen Journalistin Gillian Brockell. Sie hatte ihre Schwangerschaft in den sozialen Medien zelebriert, bei Google nach Baby-Utensilien gesucht und bei Amazon bestellt.

Im Dezember jedoch, nur wenige Wochen vor der geplanten Niederkunft, verlor sie ihr ungeborenes Kind - wurde von den Algorithmen der Tech-Konzerne jedoch weiter als Mutter identifiziert und mit Online-Anzeigen für Eltern- und Kinderprodukte bombardiert. Die Kreditauskunft Experian schickte ihr gar die makabre Aufforderung, die angeblich begonnene Registrierung ihres vermeintlich längst geborenen Sohnes doch gefälligst abzuschließen.