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Angriff auf TV 5 Monde:Cyberkrieg ist der neue Guerillakrieg

In der Nacht zum Donnerstag meldete sich auf den Twitter- und Facebook-Seiten von TV 5 das "Cyberkalifat".

(Foto: AFP)

Die Attacke auf den französischen Fernsehsender TV 5 Monde zeigt, dass die Gefahren aus dem Netz ernst sind. Die Regierungen sollten sich rüsten - mit Technik und Gelassenheit.

Sieht man das Gute im Schlechten, dann ist dem sympathischen Sender TV 5 Monde ein Scoop gelungen: Der ansonsten zu wenig beachtete französische Auslandskanal, mit der Deutschen Welle vergleichbar, hat in beispielloser Weise die Macht von Hackern vorgeführt.

Mit kaum einem journalistischen Beitrag hätte er so eindrucksvoll zeigen können, wozu Angreifer aus dem Cyberspace in der Lage sind: In der Nacht zum Donnerstag meldete sich auf der Twitter-Seite von TV 5 das "Cyber-Kalifat", die Website war unerreichbar, das komplette Fernsehbild fiel aus. Der Sender wurde stundenlang ferngesteuert.

In der vernetzten Welt lässt sich überall sabotieren

Nicht viel beruhigender war es, dass am nächsten Morgen gleich drei französische Minister in der Senderzentrale erschienen und das Gefühl schürten, es habe sich eine Art 11. September der Medienwelt ereignet. Dies verkennt zwei Dinge: Erstens sind am 8. und 9. April keine Menschen ums Leben gekommen, anders etwa als am 11. September 2001 oder jüngst beim Massenmord in der Pariser Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Zweitens zeigte sich die Terrorgruppe al-Qaida am 11. September 2001 auf dem Höhepunkt ihrer Kraft: Ihre Anschläge waren so grausam wie brillant inszeniert.

Leider muss man befürchten, dass die Extremisten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (oder wer auch immer für den Cyberangriff auf TV 5 verantwortlich ist), noch am Üben sind - den Gipfel ihres Könnens haben sie wohl noch nicht erreicht. Trotz seiner primitiven Enthauptungsvideos ist der Islamische Staat nicht bloß ein Haufen Wilder, die im fernen Syrien wüten, sondern eine professionelle Privatarmee, die jedem in Europa und Amerika zumindest Schrecken einjagen kann.

Die Gefahr durch Cyberangriffe ist echt, und man sollte sich dagegen rüsten: mit Technik, aber auch mit Gelassenheit. Wie schon nach dem mutmaßlich nordkoreanischen Cyberangriff auf die Filmfirma Sony Pictures im Dezember sollte man sich fragen, womit man es eigentlich zu tun hat. US-Präsident Barack Obama, der damals bemerkenswert gelassen reagierte, nannte die Tat "Cybervandalismus".

Islamischer Staat Cyber-Terror mit maximaler Reichweite
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Das beschreibt den Angriff auf TV 5 insoweit, als bloß das Bild ausfiel. Terroristisch (also mit Gewalt oder der Drohung damit verbunden) war die Attacke allenfalls in der Hinsicht, dass die Hacker auf der Facebook-Seite von TV 5 den Familien französischer Soldaten drohten.

Nächstes Angriffsziel: Kraftwerke?

Wer aber, wie die französische Kulturministerin, die Cyberattacke undifferenziert als "Terrorismus" bezeichnet, der spielt den Urhebern in die Hände: Er verbreitet jenen Schrecken, den sich die Hacker wünschen. Man verstärkt damit die propagandistische Wirkung der Tat, auf die es den Angreifern ja allein ankommt: Sie möchten andere erschrecken und sich für potenzielle Rekruten und Geldgeber attraktiv darstellen.

Trotzdem sollte man Gefahren aus dem Cyberspace ernster nehmen als bisher. Erstens sind die Täter meist kaum zu fassen, sie agieren mit der Fernbedienung und sind damit womöglich besonders skrupellos. Zweitens ist im Cyberspace so gut wie alles möglich: Die Welt ist so vernetzt, dass man überall und gegen jedes Ziel sabotieren und spionieren kann. Wie die westlichen Cyberangriffe auf Irans Atomanlagen gezeigt haben, kann man sogar Industrieanlagen zerstören.

Westliche Regierungen sollten lieber vorbeugen

Die nächsten Angriffe könnten Kraftwerken gelten, Flugzeugen, Raketen. Drittens unterschätzt man selbst im technisch hochgerüsteten Westen diese Gefahren noch immer. Jeder neue Angriff offenbart Leichtsinn und Inkompetenz der Opfer: Kriminellen gelingt es zum Beispiel regelmäßig, die Bankdaten von Millionen Kunden amerikanischer Handelsketten abzugreifen. Auch die US-Regierung gehört regelmäßig zu den Opfern.

Die Weltgemeinschaft hätte sich längst ein verbindliches Regelwerk für den Cyberspace geben und sich in der Abwehr von Angriffen durch Terrorgruppen oder Kriminelle abstimmen müssen. Aber die großen Regierungen haben daran kein Interesse, weil sie die neue technische Wunderwelt längst selbst zum eigenen Vorteil erforschen.

Amerikaner und Chinesen etwa hacken sich durch die gegnerischen Militärgeheimnisse und würden sich deswegen nie einer höheren Instanz unterwerfen, etwa einem Schiedsgericht der UN für Cyberfälle. Der letzten Endes ziemlich glimpfliche Angriff auf TV 5 erinnert westliche Regierungen daran, dass sie lieber vorbeugen sollten, als große Sprüche zu machen am Morgen danach.

Die Vorzüge von Hackereinheiten für Terrorgruppen jedenfalls sind offensichtlich. Der Cyberspace bietet alle Vorteile der asymmetrischen Kriegsführung: Man kann sich verstecken, man kann aus dem Hinterhalt angreifen, man kann mit wenig viel erreichen. Cyberkrieg ist der neue Guerillakrieg.