14. Dezember 2018, 15:44 Neue Richtlinien Facebook verbietet sexuelle Andeutungen

Von Simon Hurtz

Zwei Facebook-Nutzer unterhalten sich über den Messenger. Sie flirten. Das Gespräch wird intim, eine anzügliche Bemerkung fällt: "Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben."

Dieser Satz müsste Facebook eigentlich gefallen. Schließlich ist es das erklärte Ziel des Unternehmens, die Welt zu vernetzen, Beziehungen aufzubauen und "Menschen näher zusammenzubringen". Außerdem testet Facebook seit einigen Monaten eine Dating-Funktion, die Tinder Konkurrenz machen soll. Ein Flirt zwischen zwei Erwachsenen sollte also zur Strategie des Unternehmens passen.

Das Gegenteil ist der Fall. Im Oktober hat Facebook stillschweigend seine Gemeinschaftsstandards überarbeitet und den Umgang mit bestimmten sexuellen Inhalten verschärft. Öffentlich wurde die Änderung nicht kommuniziert. Auf Nachfrage sagt eine Sprecherin, dass künftig ein durchsuchbares Archiv mit älteren Versionen der Hausregeln zur Verfügung gestellt werden soll, um Überarbeitungen transparent zu machen. Die neuen Formulierungen blieben knapp zwei Monate lang unbemerkt, bis die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) und später das deutsche Blog Netzpolitik.org das Thema aufgriffen.

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In den Gemeinschaftsstandards formuliert Facebook weltweit gültige Regeln, die teils deutlich über nationale Gesetzgebung hinausgehen. Facebook hat sie nun um einen Punkt ergänzt: "sexuelle Kontaktaufnahme". Dort werden teils Inhalte gebündelt, die zuvor in anderen Abschnitten zu finden waren, teils finden sich neue, strengere Regeln.(*)

Facebook listet mehrere Kategorien verbotener Inhalte auf. Dazu zählen kommerzielle Pornographie, explizite sexuelle Sprache und "sexuelle Kontaktaufnahme" wie das Versenden von Nacktbildern. Ein weiterer Absatz untersagt auch "implizite sexuelle Kontaktaufnahme". Darunter versteht Facebook unter anderem:

Die Regeln gelten für alle Plattformen und Kanäle auf Facebook, also nicht nur für öffentliche Beiträge, sondern auch für private Gruppen und Chats im Messenger. Dort müssen sie allerdings von einer der an der Unterhaltung beteiligten Personen gemeldet werden, bevor Facebooks Content-Moderatoren tätig werden.

Die EFF mutmaßt, dass Facebook auf ein neues Gesetz in den USA reagiert haben könnte. Seit der "Stop Enabling Sex Traffickers Act" in Kraft ist, drohen Online-Plattformen hohe Strafen, wenn sie etwa Menschenhandel und Zwangsprostitution ermöglichen. Die Bürgerrechtler glauben, dass das Gesetz zu weit geht und Unternehmen wegen der teils schwammigen Formulierungen vorsorglich zu viel löschen könnten. Facebook widerspricht dieser Darstellung und verweist darauf, dass sich die Gemeinschaftsstandards laufend weiterentwickelten.

Die Richtlinien enthalten unklare Formulierungen

Unabhängig davon, was ursächlich für Facebooks Entscheidung war, werfen die neuen Regeln Fragen auf. Ein Großteil der Inhalte, die Facebook verbietet, ist selbst in den im Vergleich zu Westeuropa prüden USA legal. In Deutschland wäre eine Bemerkung wie "Ich möchte heute Nacht noch Spaß haben" vermutlich kein Problem in einem Film, der ab zwölf Jahren freigegeben ist. Dennoch sollen sich erwachsene Facebook-Nutzer auch in beiderseitigem Einvernehmen keine "vagen, anzüglichen Bemerkungen" schicken. Genauso unklar erscheint das Verbot von Kunstobjekten, die "anzüglich positionierte Personen" zeigen - oder auch nur zu zeigen scheinen.

Die Gemeinschaftsstandards sollen eine möglichst unmissverständliche und allgemeingültige Richtlinie darstellen. Wenn sie die Entscheidung der Interpretation des Betrachters überlassen, sind Missverständnisse programmiert. Bereits in der Vergangenheit hat Facebook immer wieder angeblich anstößige Kunstwerke gelöscht, etwa die berühmte Freiheitskämpferin auf dem Gemälde von Eugène Delacroix (nackte Brüste) oder eine Statue des nackten Meeresgottes Neptun, die auf einem Platz in Bologna steht ("explizit sexuell").

Zumindest scheint sich Facebook dieser Probleme bewusst zu sein. Eine Sprecherin sagt, das Unternehmen arbeite kontinuierlich daran, Klarheit und zusätzlichen Kontext für die Richtlinien zu schaffen. Ziel sei, dass sich alle Facebook-Nutzer sicher fühlten, unabhängig von Alter, kulturellem Hintergrund und persönlicher Sensibilität.

In den kommenden Monaten wolle man die Gemeinschaftsstandards in Bezug auf den Umgang mit sexuellen Inhalten ergänzen und dabei die bisherigen Rückmeldungen berücksichtigen. Man arbeite dafür mit mehreren Organisationen zusammen, die auf Frauen- und Kinderrechte spezialisiert seien. Details zu den Organisationen oder den geplanten Änderungen will Facebook nicht nennen.

LGBTQ-Verbände und Sexarbeiter empfinden die neuen Richtlinien als problematisch. Sie fürchten, dass sie sich nicht mehr frei ausdrücken und über ihre sexuelle Identität austauschen können. Einer Facebook-Sprecherin zufolge erlauben es die neuen Regeln aber, seine sexuellen Präferenzen oder die seines Partners zu äußern. Facebook heiße die LGBTQ-Community willkommen, jeder Fehltritt, der nahelegen könnte, dass die Community nicht erwünscht ist, sei besonders schmerzhaft. Man bedauere die Verwirrung.

Facebook und Sex passen nicht zusammen

Diese Verwirrung wird wohl auch vor den mehr als 10 000 Content-Moderatoren nicht Halt machen, die auf der ganzen Welt Inhalte sichten, prüfen und löschen. Klickarbeiter in Manila müssen dem Dokumentarfilm "The Cleaners" zufolge unter Zeitdruck 25 000 Bilder pro Tag sichten und jeden Tag passieren Zehntausende Fehler.

Facebook sagt, dass die Änderungen zu großen Teilen auf Rückmeldungen der Content-Moderatoren zurückzuführen seien, bei denen die alten Formulierungen zu Missverständnissen geführt hätten. Tatsächlich unterscheiden die Gemeinschaftsstandards nun klarer zwischen sexueller Ausbeutung, Nacktheit und sexueller Kontaktaufnahme. Doch zugleich geht die neue Version deutlicher weiter und nennt Inhalte, die zuvor zumindest nicht explizit verboten waren. Sexualität war auf Facebook noch nie erwünscht. Künftig wird die Plattform wohl noch prüder.

(*) Irritierenderweise enthält die deutsche Version derzeit zwei unterschiedliche Passagen mit ähnlichen, aber nicht deckungsgleichen Absätzen. Womöglich hat Facebook beim Überarbeiten einen Fehler gemacht, der weder Nutzern noch den eigenen Mitarbeitern aufgefallen ist. Wir orientieren uns an der englischen Fassung, die vermutlich aktueller ist.